Campingfreuden

Vorarlberg / 27.05.2015 • 21:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Kaum zu glauben, bei diesem Wetter, aber die schöne Jahreszeit ist gekommen, und bald sind die Campingplätze überfüllt und die Bierzelte feiern Hochsaison! Für jene aber, die nicht Teil der einheimischen Erlebnis- und Spaßgesellschaft sind, sondern im allgemeinen als unwillkommene Störenfriede am Rand des Allgemeinen Feierns und Genießens empfunden werden, haben Zelte eine ganz andere Bedeutung: Sie sind Ausdruck der Rat- und Konzeptlosigkeit, mit der Österreich auf die Flüchtlingswelle reagiert, die jetzt über Europa und somit auch über die glückliche Alpenrepublik im Herzen des Kontinents hereinschwappt.

Auf die Begriffe Verdrängung, Empörung, Selbstbetrug und notorische Unzulänglichkeit brachte kürzlich ein Zeitungskommentar den Umgang der Europäer auf das immer rascher um sich greifende Flüchtlingselend. Und just während Wien sich der Welt als aufgeklärt-toleranter Schauplatz des Song Contests präsentiert, findet im Schatten der allgemeinen Euphorie eine eher beschämende Diskussion statt. Österreich, das gemäß der EU-Zuteilungsquote insgesamt knapp 1500 Flüchtlinge aufzunehmen hat, ist offenbar dem Ansturm von durchschnittlich 250 Asylanträgen pro Tag nicht gewachsen: Rund 350 Flüchtlinge werden gegenwärtig in Salzburg, Linz und Thalham in Zeltlagern untergebracht. Bei nasskaltem Wetter, wie es über Pfingsten herrschte, kein Campingvergnügen. Für Volker Türk, den stellvertretenden Flüchtlingshochkommissar der Vereinten Nationen, ist denn auch die Unterbringung von Flüchtlingen in Zelten statt Quartieren mit Wänden, Türen und Fenstern lediglich „im Notfall“ akzeptabel. Notfall Österreich?

Österreich, das sich in der Nachkriegszeit (von der NS-Zeit wollen wir gar nicht reden) seinen jüdischen Mitbürgern gegenüber dezidiert schäbig verhalten hat, verhielt sich zu Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostblockstaaten großzügig und korrekt. Seit Kriegsende haben hier rund zwei Millionen Menschen in Not Unterschlupf gefunden. Während der Ungarnkrise wurden, worauf man hier heute noch ungeheuer stolz ist, 180.000 Personen aufgenommen, denen die Flucht über den Eisernen Vorhang gelungen ist; 162.000 Tschechoslowaken fanden nach dem „Prager Frühling“ den Weg hierher in die Freiheit, und während der Jugoslawien-Krise sollen täglich bis zu 500 Flüchtlinge über die Grenze gekommen sein. Irgendwie, so will es dem Schweizer Beobachter scheinen, hat die Zugehörigkeit dieser Flüchtlinge zu Nationen des einstigen österreichisch-ungarischen Kaiserreichs zu auffällig mehr Solidarität geführt als bei Flüchtlingen aus anderen Weltgegenden. Denn heute steht das offizielle Österreich, das einst Flüchtlinge mit offenen Armen empfangen hatte, mit verschränkten Armen da. Aus Angst vor den stets lauernden Rechtspopulisten, die großzügigere Hilfsbereitschaft umgehend in politisches Kleingeld ummünzen würden?

Verdrängung, Empörung, Selbstbetrug und notorische Unzulänglichkeit.

charles.ritterband@vorarlbergernachrichten.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).