Gespielte Toleranz in Wien – echte Toleranz in Lech

Leserbriefe / 27.05.2015 • 18:49 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Es war wohl ein unglücklicher Zufall, dass die unsägliche Unterbringung von Flüchtlingen in Zelten nahezu zeitgleich mit dem als „Fest der Toleranz“ promoteten Song Contest in Wien stattfand. Es zeichnet aber ein passendes Bild von Österreich im Jahr 2015: Anstatt wirklich etwas gegen Unrecht in einem der reichsten Länder der Welt zu tun, schmücken wir uns mit kreativen Slogans und gespielter Weltoffenheit. Der Hauptvorwurf in diesem unwürdigen Spiel gilt nicht der österreichischen Bevölkerung, sondern den politischen Akteuren quer durch alle Couleurs: Verängstigt durch die Macht des Boulevards und getrieben vom Primat der Wiederwahl fehlt es oft am politischen Willen, die Rahmenbedingungen für eine menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen zu schaffen: Da werden Kasernen als temporäre Unterkünfte angeboten, und die Landesfürsten lehnen ­dankend ab. Private Initiativen werden von Bürgermeistern bekämpft (siehe Bad Gastein und Bartholomäberg) und mittels bürokratischer Hürden verhindert. Was bleibt, sind löbliche Ausnahmen wie in Alberschwende oder nun in Lech, wo sich Bevölkerung und Politik gemeinsam ihrer sozialen Verantwortung stellen. Daher mein Appell an alle politisch tätigen Menschen in Vorarlberg: Seien Sie auch bei der Aufnahme von Flüchtlingen Vorreiter und haben Sie Mut zur Menschlichkeit! Der Großteil der Bevölkerung steht hinter Ihnen – und Ihr soziales Gewissen wird es Ihnen danken.

Clemens Sagmeister,
Römerstraße 10, Bregenz