Jenseitskontakt mit Kampfpiloten

Vorarlberg / 27.05.2015 • 21:25 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Schießwütiger SS-Soldat. Brennende Häuser in der Innenstadt. Betrunkene Franzosen.

Heidi Rinke-Jarosch

HÖCHST, BREGENZ. Er war 13 Jahre alt und lebte mit seiner Mutter in einem großen Mehrfamilienhaus in der Bregenzer Klostergasse, als die Naziherrschaft endete und die Franzosen in Vorarlberg einmarschierten.

Wilhelm Maier besuchte damals die Hauptschule Belruptstraße. Im Schuljahr 1944/45 musste der Unterricht wegen des häufigen Fliegeralarms oft abgebrochen werden. Die Kinder verbrachten mehr Zeit im Bunker als im Klassenzimmer. Wilhelm hatte einen prominenten Mitschüler: den Schauspieler Sieghardt Rupp. „Sieghardts Vater war Volksschullehrer. Wir hatten ihn in der zweiten Klasse, und er teilte kräftig Tatzen aus“, erzählt Maier. Viele dieser schmerzhaften Stockschläge auf die Handflächen habe der Herr Lehrer Rupp seinem eigenen Sohn verpasst.

„Am Vormittag des 29. April 1945 stand ich auf der Glasveranda unserer Wohnung im obersten Stock des Hauses und sah, wie Kampfflugzeuge der Alliierten über den See zur Klause und am Bahndamm entlang bis Lindau-Reutin jagten und dort den Güterbahnhof beschossen“, schildert der Zeitzeuge. „Dann flog ein Tiefflieger ganz knapp über unser Hausdach. Der Pilot und ich schauten uns in die Augen. Er feuerte mit der Bordwaffe, zielte aber nicht auf die Glasveranda, auf der ich stand, sondern daneben. Er hat wohl gesehen, dass ich ein Kind war.“

30 Jahre später habe Maier anlässlich einer Begegnung mit einem britischen Spiritisten in Feldkirch ein merkwürdiges Erlebnis gehabt: „Der Spiritist sagte zu mir, er sehe einen jungen Flugzeugpiloten. Der teile ihm gerade mit, dass er mich damals auf der Veranda bemerkt habe und 1947 mit einer Maschine abgestürzt sei.“

Ebenso am 29. April 1945 beschossen Tiefflieger die Wälderbahn, die gerade in den Bregenzer Bahnhof einfuhr. Zwölf Menschen kamen ums Leben. Mit anderen Buben lief Wilhelm zum Bahnhof. „Wir haben die Blutlachen gesehen. Die Toten waren schon weggebracht.“

1. Mai 1945. Wilhelm Maier und seine Mutter harrten im Kellergewölbe unterm Deuringschlössle in der Oberstadt aus, während die französische Armee die Stadt zuerst mit Artillerie beschoss und dann von Fliegern aus bombardierte. „In einer Feuerpause verließen wir – ein paar Buben und alte Männer – den Keller und gingen ins Freie. Da kam ein junger deutscher SS-Mann, bewaffnet mit einer Panzerfaust, daher und schrie: ‚Ihr österreichischen Schweinehunde, schaut, dass ihr in eure Löcher kommt.‘ Wir lachten. Worauf er wild auf die Fassade des Deuringschlössles feuerte.“ Das gefiel dem Eigentümer Johann Anton von Tscharner gar nicht. „Er forderte den SS-Soldaten auf, sofort zu verschwinden: ‚Sonst knallt’s‘“.

Kurze Zeit später tauchten zwei französische Soldaten in der Oberstadt auf, „und wir wussten, der Krieg ist vorbei. Das Gefühl, keine Angst mehr haben zu müssen, war einmalig.“

Beinahe im Wein ertrunken

Auf den Heimweg passierten Wilhelm und seine Mutter in der Innenstadt in schwarze Rauchwolken gehüllte brennende Häuser. „Und überall standen Panzer, auf denen französische Soldaten saßen.“ Am Haus, in dem die Maiers wohnten, seien nur Scheiben zerborsten, „aber keine von unserer Wohnung.“

Dort, wo jetzt das Hotel IBIS steht, „war damals eine Käserei. Ich und mein Freund Hermann beobachteten, wie betrunkene Franzosen die Kellerstiege herauf zum Eingang taumelten.“ Neugierde trieb die Buben in den Keller: „Da standen etwa acht große, von Schüssen durchlöcherte Holzfässer. Überall spritzte Wein heraus.“ Mit Kochgeschirren hätten die Franzosen den kostbaren Rebensaft gesammelt, sich betrunken und De Gaulle hochleben lassen. Da entdeckten die Buben einen Mann mit dem Gesicht nach unten in dem Weinsee liegen, der sich auf dem Boden gebildet hatte. Der Alkoholisierte drohte zu ertrinken. „Hermann und ich packten ihn an den Füßen, zerrten ihn die Treppe hinauf und legten ihn ins Freie.“ Der Mann hat überlebt.

Das Gefühl, keine Angst mehr haben zu müssen, war einmalig.

Wilhelm Maier
Die Bombardierung der Wälderbahn am 29. April 1945 forderte zwölf Menschenleben. STADTARCHIV BREGENZ  
Die Bombardierung der Wälderbahn am 29. April 1945 forderte zwölf Menschenleben. STADTARCHIV BREGENZ  

Zur Person

Wilhelm Maier
lernte Tapezierer und Dekorateur, war dann bis zur Pension beim Landesschulrat fürs Lehrpersonal zuständig.
Geboren: 19. Juli 1931
Wohnort: Höchst
Familie: Witwer, 1 Sohn, 1 Tochter, 2 Enkel

Quelle für Hintergrund-Infos: „Nationalsozialismus in Vorarlberg“, Meinrad Pichler, StudienVerlag und erinnern.at