„Zeigen der FIFA die Rote Karte“

Sport / 27.05.2015 • 22:40 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
FIFA-Präsident Joseph S. Blatter kann trotz massiver Vorwürfe weiter lächeln. Fotos: ap/apa
FIFA-Präsident Joseph S. Blatter kann trotz massiver Vorwürfe weiter lächeln. Fotos: ap/apa

Verhafteten Fußball-Funktionären drohen im Korruptionsskandal beim Weltverband FIFA bis zu 20 Jahre Haft.

Zürich/New York. US-Justizministerin Loretta Lynch spricht im Zusammenhang mit den in Zürich verhafteten Fußball-Funktionären von „organisierter Kriminalität“ und kündigt weitere Ermittlungen an. Der Weltverband FIFA jedenfalls steht unmittelbar vor dem Wahlkongress vor der größten Zerreißprobe seiner skandalumtosten Geschichte, die sogar die Zukunft von FIFA-Chef Joseph S. Blatter plötzlich infrage stellen könnte. Richard Weber, Chef der US-Steuerfahndung, fand im Zusammenhang mit dem dramatischen Tag in Zürich mit mehreren Festnahmen und Durchsuchungen in der FIFA-Zentrale deutliche Worte: „Dies ist die Weltmeisterschaft des Betrugs, heute zeigen wir der FIFA die Rote Karte.“ Daran dürfte auch die Entscheidung der Ethikkommission nichts ändern, elf aktuelle oder ehemalige Funktionäre, die zuvor von den Schweizer Behörden auf Antrag der US-Justiz in Abschiebehaft genommen worden waren, provisorisch zu sperren.

UEFA geht in die Offensive

Blatters europäische Gegner haben die unverhoffte Gunst der Stunde offenbar erkannt und proben den Aufstand. Der Kongress samt Wahlen müsse um sechs Monate verschoben werden, hieß es in einem Statement unter der Überschrift „UEFA zeigt FIFA die Rote Karte“. Es käme auch ein Boykott infrage. Der bevorstehende FIFA-Kongress droht eine Farce zu werden. „Daher müssen die europäischen Verbände sorgsam in Erwägung ziehen, ob sie an dem Kongress teilnehmen und ein System schützen, das, wenn es nicht gestoppt wird, den Fußball letztlich töten wird“, hieß es in einer Pressemitteilung.

Im Morgengrauen hatten Schweizer Sicherheitsbehörden unabhängig voneinander an zwei Orten in Zürich Ermittlungen wegen möglicher Vergehen innerhalb des FIFA-Apparats vorangetrieben. Und erneut kamen Beschuldigte aus dem engsten Machtzirkel um Blatter. Im Hotel Baur au Lac wurden
u. a. Jeffrey Webb und Eugenio Figueredo neben fünf weiteren Spitzenfunktionären festgenommen. Gegen die drohende Abschiebung in die USA legten sechs der sieben Festgenommenen noch am Mittwoch Rechtsmittel ein, was zumindest aufschiebende Wirkung hat.

Ihnen wird organisiertes Verbrechen und Korruption vorgeworfen. Insgesamt ermittelt das US-Justizministerium gegen 14 Personen. Sie sollen seit Anfang der 90er-Jahre Schmiergeld von mehr als 150 Mill. Dollar von Vermarktern für die Vergabe von Fußballturnieren erhalten haben. 110 Mill. Dollar sollen allein für Vermarktungsrechte für die Copa America 2016 in den USA geflossen sein. Bestechungsgelder sollen auch vor der WM-Vergabe an Südafrika 2010 gezahlt worden sein.

Unabhängig von den US-Ermittlern stellten Schweizer Behörden in der FIFA-Zentrale elektronische Daten und Dokumente sicher. Die zuständige Bundesstaatsanwaltschaft eröffnete ein Strafverfahren im Zusammenhang mit den WM-Vergaben an Russland 2018 und Katar 2022. Es besteht der Verdacht der Geldwäscherei.

Sie haben Fußball korrumpiert, um sich zu bereichern

Loretta Lynch
US-Justizministerin Loretta Lynch sprach in New York im Zusammenhang mit der FIFA von „organisierter Kriminalität“. Foto: ap
US-Justizministerin Loretta Lynch sprach in New York im Zusammenhang mit der FIFA von „organisierter Kriminalität“. Foto: ap

Stichwort

FIFA

Die Fédération Internationale de Football Association – kurz FIFA – wurde 1904 in Paris gegründet. Mittlerweile ist die FIFA auf 209 Mitglieder aus sechs Kontinental-Konföderationen angewachsen. Größte Einnahmequelle ist die alle vier Jahre ausgerichtete Fußball-WM mit einem Umsatz von rund fünf Milliarden Dollar.

Höchstes Gremium ist der jährliche Kongress, die Vollversammlung aller Mitgliedsverbände. Der Kongress wählt alle vier Jahre den Präsidenten. Dabei hat jedes Land eine Stimme. Zuletzt stimmten alle Konföderationen in der Regel en bloc. Die Stimmverteilung ist dabei folgende: Afrika 54, Asien 46, Europa 53, Nord- und Mittelamerika 35, Ozeanien 11, Südamerika 10.

Künftig bestimmt der Kongress auch den WM-Gastgeber – eine Folge der Korruptionsvorwürfe rund um die WM-Vergabe an Russland 2018 und Katar 2022. Bislang war das Exekutivkomitee dafür verantwortlich. Es ist die sogenannte Regierung der FIFA. Ihr gehören neben dem Präsidenten 24 Mitglieder an, die von den Konföderationen gewählt werden und die administrativen Fragen des Weltverbandes klären. Die Alltagsgeschäfte werden vom Generalsekretär geführt.