„Bin froh, dass ich eine Zukunft habe“

Vorarlberg / 29.05.2015 • 21:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eva-Maria Erhart liebt das Leben trotz allem.  Foto:VN/KH
Eva-Maria Erhart liebt das Leben trotz allem. Foto:VN/KH

Eva-Maria Ehrhart
wurde von einem
Lkw überfahren.

Dornbirn. (VN-kum) Es existiert ein Video über den Verkehrsunfall, den sie überlebt hat. Eva-Maria Ehrhart nimmt ihr Handy zur Hand und lässt das Video über YouTube laufen. Es sind die Unfallstelle zu sehen, ein Lkw, die Rettungskräfte, ein Hubschrauber und wie das Unfallopfer abtransportiert wird.

Die 27-jährige Dornbirnerin hat kein Problem damit, das alles noch einmal anzuschauen. Im Gegenteil. „Es ist wie eine Befreiung. Ich hab’ den Unfall ja überlebt.“ Das Unglück ereignete sich am 28. August vor zwei Jahren. Eva-Maria Ehrhart wollte auf einem Zebrastreifen eine Straße in Dornbirn-Wallenmahd überqueren. Ein Lkw-Fahrer übersah die junge Frau.

Das Unfallopfer kann sich noch an jedes Detail des damaligen Geschehens erinnern. „Als ich die großen Lkw-Räder auf mich zukommen sah, dachte ich noch: ,Fahr‘ mir nur nicht über das Genick.“ Ein Zwillingsrad rollte über ihre Wirbelsäule. Ehrhart: „Als mich der Lastwagen überrollte, schrie ich: Mama, hilf mir.“ Als die junge Frau aufstehen wollte, ging das nicht mehr. „Ich spürte meine Beine nicht mehr.“ Als sie dann am Unfallort den Hubschrauber kommen hörte, dachte sie nur noch: „Jetzt stirbst du.“

Schlimmste Verletzungen

Die 27-jährige Frau erlitt schlimmste Verletzungen, bis hin zu einem Beckentrümmerbruch. Mehrere Stunden lang wurde Eva-Maria Ehrhart notoperiert. Die Ärzte diagnostizierten eine Querschnittlähmung. Drei Wochen wurde sie in Tiefschlaf versetzt. Danach musste die Dornbirnerin zwölf Operationen über sich ergehen lassen. Ihre Familie stand in dieser schweren Zeit fest zu ihr.

Starke Mutter

Vor allem die Mutter wurde ihr zur großen Stütze. „Die Stärke von Mama half mir. Früher wollte sie sie mir auch geben. Aber damals hab’ ich sie nicht angenommen.“ Überhaupt sei sie vor dem Unfall eine andere gewesen, sagt sie. „Meine Mutter hatte es nicht leicht mit mir. Ich war ein Ich-Mensch und undankbar.“ Der Unfall habe sie positiv verändert. „Er hat mir was Gutes geschenkt: Das Verhältnis zu meiner Mama besserte sich. Heute sind wir uns ganz nah. Wir reden, blödeln, lachen und weinen miteinander.“ Zuletzt heulte sie sich wegen ihres Freundes bei ihr aus. Dieser verabschiedete sich vor Kurzem aus ihrem Leben. Mit ihm wollte sie Kinder haben. Den Traum von Familie hat die hübsche Frau im Rollstuhl aber nicht begraben. Denn Eva-Maria erhofft sich noch viel vom Leben. Sie traut es sich kaum zu sagen, aber: „Das Leben, das ich jetzt habe, ist besser als das, welches ich vor dem Unfall hatte. Durch mein Handikap ist es zwar schwierig, aber ich möchte mit niemandem tauschen.“ Im Reha-Zentrum sah sie, dass es sehr viel schlimmere Schicksale gibt. „Ich bin gesund. Mir fehlt nichts, außer, dass ich nicht gehen kann.“

Glaube an Schutzengel

Freilich: Diese Erkenntnis schützt sie nicht immer vor emotionalen Tiefs. Manchmal schlittert sie ganz unvermittelt in eines hinein. „Es tut so weh, wenn ich Leute tanzen sehe. Dann würde ich am liebsten aus dem Rolli springen und abrocken.“ Voller Wehmut denkt Eva-Maria an die Zeit zurück, als sie mit ihrer Mutter Rock’n’ Roll tanzte. „Wir waren ein eingespieltes Team.“ Die Mutter vererbte ihr die Liebe zum Tanzen und das Temperament.

Das geht auch heute noch manchmal mit ihr durch. Dann düst Eva-Maria mit dem Rolli durch die Gegend. Spaß macht ihr auch das Basketballspielen und Kommunizieren auf Facebook. „Dort habe ich mehr Freunde als im richtigen Leben.“ Obwohl sie im Pflegeheim, wo sie seit einem Jahr wohnt, unter Menschen ist, leidet sie manchmal unter Einsamkeit. Eva-Maria fährt in ihr Zimmer und holt sich eine Jacke. Sie möchte spazierenfahren. Sie hat sich ihr Heim gemütlich eingerichtet. Ihr Blick bleibt beim Tisch in der Ecke hängen. Dort stehen kleine Schutzengel und Stofftiere, lauter Delfine. Die junge Frau glaubt an Schutzengel. Denn: „Sie haben mir das Leben gerettet.“