Der See, der Schnee und der Krieg

Kultur / 29.05.2015 • 23:10 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Porträt von Ilse Ligges, der Schwester des bekannten Malers Oswald Baer. Fotos: VM/Rohnerhaus  

Porträt von Ilse Ligges, der Schwester des bekannten Malers Oswald Baer. Fotos: VM/Rohnerhaus  

Im Kunsthaus Rohner ist der Maler Georg Ligges (1886-1944) zu entdecken.

LAUTERACH. Georg Ligges´ Gespür für Schnee war keineswegs angeboren. 1886 in Paderborn, im deutschen Flachland, das Licht der Welt erblickt, entdeckte er seine Faszination für das winterliche Weiß erst mit der Übersiedelung in den deutschen Süden und nach Vorarlberg. Hier entstanden ab 1927, mit dem Umzug nach Bregenz, jene Winterbilder, als deren Gestalter der Zeichner und Maler besonders im Gedächtnis geblieben ist und die zentrale Positionen in der aktuellen Ausstellung im Rohnerhaus in Lauterach markieren.

Vertiefender Blick

In der umfassenden Schau „Georg Ligges (1886-1944). Zeichnung und Malerei“ wird nicht nur der für die Region wichtige kunstgeschichtliche Beitrag eines Künstlers gewürdigt, der einem breiteren Publikum bislang verborgen geblieben ist. In der ersten von weiteren geplanten Kooperationen zwischen dem vorarlberg museum und dem Lauteracher Rohnerhaus gilt es auch, parallel zur Sommerausstellung im Museum in Bregenz, die sich österreichischen „Bildstrategien und Raumkonzepten 1914-1938“ widmet, einen vertieften regionalen Blick auf die Zeit zwischen den Kriegen zu werfen. Kuratiert von der Innsbrucker Kunsthistorikerin und Enkelin von Georg Ligges, Bettina Schlorhaufer, werden die Exponate aus dem Nachlass des Künstlers und aus Familienbesitz, die alle Schaffensphasen dokumentieren, durch kürzlich erworbene Werke aus den Beständen des vorarlberg museums ergänzt. Erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt, handelt es sich um ein Konvolut von Arbeiten, die während Georg Ligges´ Einsatz als Soldat an der Westfront in Frankreich und Belgien entstanden sind. Zahlreiche kleinformatige Blätter, aus dem Krieg mit nach Hause gebracht, zeigen eindrückliche Bilder in Tusche oder Kohle von zerstörter Landschaft und zerbombten Städten, Kanonen und Flugzeugen, von Tod und Verwundung. Aber auch ein Selbstporträt auf Zeitungspapier, als eines der Hauptwerke des Künstlers, und die nüchternen Darstellungen der Soldaten bei ihrer harten Arbeit und in den zermürbenden Phasen des Wartens und der Langeweile, beim Trinken und Kartenspielen (beides waren für Ligges verhasste Tätigkeiten), stehen für jene Zeit, der ein eigenes Kapitel der Schau im Untergeschoß gewidmet ist.

Lehrerpersönlichkeit

Die bildlichen Darstellungen, sowie die Auszüge aus dem Kriegstagebuch von 1916 schildern in beeindruckender Weise die Schrecken des Krieges, aber auch Ligges´ offene Augen für das Schöne, wie die Blüten und das Grün des Frühlings, das Zwitschern der Vögel. Für die Auswahl dieser Werke aus der Sammlung des vorarlberg museum und die sensibel gelöste Frage, wie sich diese Ambivalenz des Krieges ausstellen lässt, zeichnet Ute Pfanner mitverantwortlich. Von ihr stammt in der begleitenden Publikation auch der Beitrag zur künstlerischen Verortung von Georg Ligges in der Vorarlberger Kunstgemeinde, wo er ab 1928 regelmäßig ausstellte und Kontakte zu Künstlern wie Rudolf Wacker und Fritz Krcal pflegte. Verheiratet mit Ilse, der Schwester des bekannten Malers Oswald Baer, von der es ein sehr schönes Porträt unter einem Lindenbaum in der Schau zu sehen gibt, war Ligges bis zu seinem plötzlichen Tod 1944 vor allem auch als Kunsterzieher angesehen. Zu seinen Schülern zählten u.a. Hubert Berchtold und Edwin Neyer. Bald nach der Hochzeit eingebürgert, blieb der Künstler in seinem Herzen zeitlebens Deutscher. Dem „Anschluss“ Österreichs und der „Heim-ins-Reich-Idee“ konnte er viel abgewinnen, er trat dem Nationalsozialistischen Lehrerbund und der NSDAP bei.

Spannende Exkurse

Dass er auch Bregenz tief verbunden war, zeigt die klug inszenierte Schau, die nicht chronologisch angelegt, sondern gut aufbereitet auf Werkgruppen fokussiert und in der Motivauswahl auf das hiesige Publikum zugeschnitten ist. Sie erweist Ligges nicht als den großen Erneuerer der Kunst, dazu waren seine Lebensumstände wohl zu schwierig – beginnend mit dem frühen Tod der Eltern, dem Studium an der Münchner Akademie in größter finanzieller Not, der Unterbrechung durch den ersten Weltkrieg. Georg Ligges wird auch nach dieser Ausstellung, trotz der zahlreich neu gewährten, wertvollen Einblicke in Leben und Werk, der „Bodenseemaler“ bleiben. Zu prominent sind Darstellungen wie die 1935 mit dem Österreichischen Staatspreis ausgezeichnete „Winterlandschaft – Bregenz gegen Bodensee“ in matten Farbtönen, die immer wieder variierten Blicke auf See, Stadt und Segelhafen, die teilweise auch für Postkarten und Druckwerke dienten. Spannende Exkurse in der Schau stellen die in frühen Gouachen entdeckten Nuancen von Weiß dar, die für das Oeuvre eher untypischen Stillleben und Akte, sowie die während einer Deutschlandreise gefertigten Ansichten der früheren Heimat. Weitaus prägender, letztlich aber nicht mehr als ein Ausflug in neue geografische und künstlerische Gefilde geblieben, verlief eine Italienreise im Winter 1924/25. Im Zusammenspiel von neu für sich entdeckter Aquarelltechnik und dem Licht des Südens, aus Münchner Akademiezeiten ausgestattet mit Sinn für das Landschaftliche und die Freilichtmalerei, war es nicht mehr die Linie, die Georg Ligges suchte. Lavierend, mit breitem Pinsel und schnellem Auftrag lösen sich die Motive in Farben auf und tönen in dieser kurzen Spanne das eigentliche Potenzial des Künstlers an. Zurück im Norden, in Osttirol und später in Bregenz, war es wieder der Winterhimmel, der schwer über Georg Ligges lastete.

Ligges wollte ungewöhnlich früh Berufskünstler werden.

Bettina Schlorhaufer
Georg Ligges: „Winterlandschaft - Bregenz gegen Bodensee“, 1934/1935.  

Georg Ligges: „Winterlandschaft – Bregenz gegen Bodensee“, 1934/1935.  

Im Feldmoos in Bregenz. 

Im Feldmoos in Bregenz. 

Die Ausstellung wird im Rohnerhaus, Kirchstraße 14, in Lauterach, am Samstag, 30.Mai, um 18 Uhr eröffnet. Geöffnet bis 3.Oktober, Mi bis Sa, 11 bis 17 Uhr, Fr, 11 bis 20 Uhr.