Nach Dienstschluss und am Abgrund

Kultur / 29.05.2015 • 18:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Lauren BeukesBroken MonstersRowohlt TB540 Seiten
Lauren Beukes
Broken Monsters
Rowohlt TB
540 Seiten

Jeder Mensch führt ein zweites Leben. Es beginnt nach dem Feierabend.

Romane. Scheinbar ist es wirklich nur sekundär, welchen Berufen die Menschen nachgehen. Wenn sie im Privaten die Hüllen ablegen, entpuppen sie sich oft als andere Persönlichkeit. Die Autorinnen Kathrin Spoerr und Britta Stuff tauchen hier tiefer ein und schildern die Privatsphäre von Personen, die in verschiedenen Bereichen eines fiktiven Großkonzerns arbeiten.

Isolierte Charaktere

Das Reizvolle an diesem Roman ist, dass der jeweilige Beruf nur eingangs genannt wird und eigentlich mit den Geschichten nichts zu tun hat. Ob das nun die Leiterin des Controllings ist, die nach der Arbeit noch zu einer Elternrunde hetzt, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende, die sinnsuchend das vergilbte Bild ihrer Großeltern betrachtet, oder der Marketingleiter, dem seine Frau davonläuft – sie alle scheinen ein mehr oder minder durchschnittliches, leicht untertemperiertes Privatleben zu führen und sind auf Sinnsuche. Die Geschichten sind einfühlsam, schonungslos und zum Teil auch unterhaltsam, doch das eigentliche Thema des Romans, dass sich die Mitarbeiter untereinander kaum kennen, ist zugleich auch seine Schattenseite: Hier wird zu wenig verknüpft, obwohl es sich so sehr anbietet. Das sorgt für einen zu geringen Zusammenhalt innerhalb der Geschichten. Der eigentliche Roman zu den Storys müsste also erst geschrieben werden, vielleicht kommt er ja noch.

Lauren Beukes ist eine südafrikanische Autorin, die vor einiger Zeit mit ihrem Debütroman „Zoo City“, einem düsteren, skurrilen Action-Krimi, im US-Feuilleton zu Recht für Aufsehen sorgte. Nach „Shining Girls“ legt sie nun mit „Broken Monsters“ ihren nächsten Roman vor, mit dem sie einmal mehr überrascht. In Detroit passiert ein schreckliches Verbrechen. Es wird ein Mensch gefunden, dem der Unterkörper abgetrennt wurde, und stattdessen mit den Beinen eines Rehs versehen wurde. Schon bald wird klar, dass hier ein fehlgeleiteter Künstler am Werk ist, der seine Visionen nicht als herkömmliches Kunstwerk darstellen will, sondern dafür Menschenleben opfert.

Sinnlicher Horror

Was im ersten Moment wie eine Stephen-King-Geschichte klingt, und im zweiten wie ein knallharter Krimi des Altmeisters James Ellroy, und dann doch wieder wie eine Verdichtung von Stewart O’ Nan, ist eine gelungene Mischung aus allem. Die Geschichte wird langsam aufgerollt, die Charaktere entwickeln sich und haben vor allem Luft zum Atmen. Eingebettet ist der Roman in die Stadt Detroit, nicht zu Unrecht, denn diese mittlerweile abgewrackte Metropole mit einigen Hoffnungsoasen­ eignet sich eher für eine ortsbezogene Geschichte. Dieser Roman nährt sich aus dem Elaborat der Stadt und macht zudem dramaturgischen Druck: In nur zehn Tagen ist der Fall erledigt und eine sehr eigene, neue Welt wurde somit erzählt. Die Autorin Lauren Beukes schafft es, sich ohne Qualitätsverlust einem breiteren Publikum zu öffnen.

Kathrin Spoerr, Britta Stuff Nach Feierabend DuMont 173 Seiten
Kathrin Spoerr, Britta Stuff Nach Feierabend DuMont 173 Seiten
Kathrin Spoerr,Britta StuffNach FeierabendDuMont173 Seiten
Kathrin Spoerr,
Britta Stuff
Nach Feierabend
DuMont
173 Seiten