Schöner geht es kaum, genauer sowieso nicht

Kultur / 29.05.2015 • 23:10 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
 Neue „Lulu“-Inszenierung in München: Marlis Petersen in der Hauptrolle, Bo Skovhus als Dr. Schön.  Foto: Staatsoper/Hösl  
 Neue „Lulu“-Inszenierung in München: Marlis Petersen in der Hauptrolle, Bo Skovhus als Dr. Schön. Foto: Staatsoper/Hösl  

Keine ästhetische Herausforderung scheuend: „Lulu“ am Opernhaus des Jahres.

Christa Dietrich

München. Ein Ranking kann man ignorieren, eine von einem großen Kreis von Kritikern vergebene Auszeichnung darf aber auch sportlich aufgefasst werden, das „Opernhaus des Jahres“, die Bayerische Staatsoper in München, hat mit Kirill Petrenko einen Generalmusikdirektor, dem dieser Preis als Dirigent schon mehrmals zuteil wurde und damit auch so etwas wie einen Ruf zu verteidigen. Wenn man Alban Bergs unvollendetes Werk „Lulu“ auf den Spielplan setzt (und in der nächsten Saison mit „South Pole“ von Miroslav Srnka und Tom Holloway gleich auch noch eine Uraufführung), dann ist die gestellte Herausforderung groß. Unter Regisseur Dmitri Tcherniakov und dem Maestro, den das Vorarlberger Publikum zudem als Lokalhelden mit Weltkarriere schätzt (und nach dem Mahler-Zyklus mit dem Symphonieorcheser hier wohl noch länger vermissen muss), ist sie außerdem eine ästhetische. Optisch wie akustisch.

Kirill Petrenko entlockt der Zwölftonmusik von Alban Berg, der das 1937 uraufgeführte Werk nicht mehr vollenden konnte, die spätromantische Basis und lotet die Klangmöglichkeit so weit aus, dass sich die Spannung auch noch auf den letzten Akt überträgt, den Friedrich Cerha in den 1970er-Jahren beigesteuert hat. Dass der Abstieg der zuvor begehrten Tänzerin ins Prostituiertenmilieu oft nur noch wenig Spannung enthält, scheint hier wie weggesungen. Regisseur Dmitri Tcherniakov und Dirigent Kirill Petrenko sind sich einig, Lulu befreit sich nicht nur aus der verkitschten Rolle der Femme fatale, sie ist am Ende auch nicht mehr jene Projektionsfläche für männliche Phantasien als die sie Generationen von Theatermachern sahen.

Vorstellung und Bloßstellung

Dazu braucht es allerdings eine Künstlerin mit dem stimmlichen und darstellerischen Potenzial von Marlis Petersen. Als blendende, im weißen Gewand schwer fassbare Erscheinung bewältigt sie nicht nur jeden auch noch so exponierten Ton, sondern zieht Männer und Publikum in ein Spiel über Vorstellung, Bloßstellung und Wirklichkeit. Im kleinen Raum zwischen der Rampe und einem gläsernen Labyrinth, in dem Tänzer und Statisterie auf psychologische Beziehungsstrukturen verweisen, verdichtet sich das Drama, in dem die Protagonisten einer Macho-Gesellschaft, die zum Teil auch Künstler sind, (mitunter im wahrsten Sinne des Wortes) keinen Platz mehr haben. Dass die Stimmen entsprechend sein müssen, damit der Kampf ein harter ist, beweisen neben Bo Skovhus (Dr. Schön) auch Rainer Trost (Maler), Matthias Klink (Alwa) oder Martin Winkler (Athlet).

Am Ende führt Lulu die Klinge gegen sich selbst. Jack the Ripper und die Opferrolle haben ausgedient. Ein radikaler Strich, aber ein nachvollziehbarer.

Nächste Aufführung am 3. Mai, 18 Uhr in der Staatsoper München und weitere: www.staatsoper.de Dauer: vier Stunden, zwei Pausen