Stille

Kultur / 29.05.2015 • 21:39 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Zum Weiterlesen: Kadisha Belfiore verfasste die Gedichte und Maria Kopf den Prosabeitrag.  Foto: Caro Stark  
Zum Weiterlesen: Kadisha Belfiore verfasste die Gedichte und Maria Kopf den Prosabeitrag. Foto: Caro Stark  

Ganz hinten in der Bar war noch Licht. Sie wusste, dass Philip und die anderen noch dort sitzen würden. Sie ging hinein, setzte sich dazu und zwei Minuten später stand ihr Lieblingsbier für sie bereit. Ihr Gesicht war ausdruckslos.

Ich bin schwanger.

Vier Augenpaare starrten ihr entgegen. Das Bier wurde unauffällig vor ihrer Nase weggezogen. Es war still. Niemand sagte etwas. Jedem lag dieselbe Frage auf der Zunge, aber niemand wollte sie aussprechen. Eine Träne rann ihre Wange hinunter und verschmierte etwas von ihrer Wimperntusche.

Bist du sicher?

Ja.

Stille.

Seit wann weißt du es?

Heute morgen.

Stille.

Wirst du es behalten?

Weiß nicht.

Stille.

Geht es dir gut?

Nein.

Stille.

Dann die Frage.

Weißt du von wem es ist.

Nein.

Stille.

Philip brachte fünf Shots. Fünf leere Gläser knallten auf den Tisch, gefolgt von Stille.

Fuck.

Ja.

Gehen wir nach Hause?

Ja.

Ein warmer süßer Geruch weckte sie sanft. Stefan kam ins Zimmer und stellte einen Turm von Waffeln neben sie. Während sie frühstückte streichelte er ihren Knöchel. Es war eine seiner Lieblingsstellen an ihr.

Wie geht’s dir?

Hm, besser? Ich weiß nicht. Die Waffeln sind gut.

Er lächelte ihr aufmunternd zu. Als sie unter der Dusche stand kam Georg ins Badezimmer. In der Hand hielt er Zettel voller Zahlen.

Wenn wir alle einmal weniger die Woche in der Bar sitzen und beim Einkaufen drauf schauen, dann geht sich das schon aus!

Was geht sich aus?

Na, alles. Windeln, Kleidung, Babynahrung, weißt du wie teuer die ist? Das erste Jahr kannst du zum Glück noch stillen, vielleicht bringen wir ja sogar was auf die Seite für später. Der Kindergarten und die Schule könnten sich mit Förderungen ausgehen. Vielleicht kann ich auch mehr arbeiten und Stefan meinte, mit seinem neuen Kochbuch müsste auch noch ordentlich was reinkommen.

Okay.

Mach dir keine Sorgen, wir machen das schon!

Als sie ins Wohnzimmer kam, saß Philip am Tisch und las Zeitung.

Magst du drüber reden?

Nein.

Er las weiter die Zeitung. Er wusste, dass Nein bei ihr Nein hieß.

Schau mal!

Michael saß vertieft in seinen Laptopbildschirm auf dem Sofa.

Es gibt ein spezielles Yoga für Schwangere. Mit extra Dehnungsübungen, dann geht die Geburt einfacher. Und mit diesen Übungen hier, bist du drei Monate danach wieder so fit wie jetzt. Ich mach das mit dir, was meinst du?

Sieht gut aus.

Super zieh dich um, wir probierens gleich aus!

Ich hab grad geduscht. Machen wir am Abend?

Klar.

Er sah ihr tief in die Augen und lächelte sie an. Das machte er sonst eigentlich nur zu ganz besonderen Anlässen.

Ganz hinten in der Bar war noch Licht. Es stand schon ein Mangosaft für sie bereit.

Also mit dem Extrageld von Stefan und mir liegen wir super im Businessplan, du musst dir keine Sorgen machen!

Und ich dachte wir machen morgen früh Yoga, ich hab ein paar neue Übungen gefunden.

Ich hab super Rezepte für dich rausgesucht, damit du weiterhin vegan essen kannst.

Stille.

Langsam rann eine Träne ihre Wange hinunter.

Es ist weg. – Stille.