„Es fühlt sich an, als sei es gestern passiert“

Vorarlberg / 31.05.2015 • 19:03 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
   
   

Als Schülerin wurde sie von der SS gezwungen, bei der Hinrichtung von Juden zuzusehen.

Heidi Rinke-Jarosch

MEININGEN. „Sie stellten die Juden in eine Reihe auf und erschossen sie mit Maschinengewehren. Wir Schüler hatten von der SS den Befehl, zum Hinrichtungsplatz zu kommen und zuzuschauen. ´Wer sich weigert, ist selber dran, drohte man uns.`“ Die Bilder von den Menschen, die vor ihren Augen tot zusammengebrochen sind und ins Massengrab geworfen wurden, hat Katharina Halbeisen heute noch, 70 Jahre später, im Kopf. „Es fühlt sich an, als sei es gestern passiert.“ Die Bilder rauben ihr den Schlaf.

Katharinas eigenes Leben begann am 20. August 1930 im burgenländischen Wallern. Ihre Mutter, eine einfache Magd, versteckte sie nach der Geburt zuerst drei Wochen im Stall, dann setzte sie das Baby in einem Maisfeld aus. Ein Hirte fand das Kind drei Tage später und brachte es zur Gemeinde. Der Vater, ein Ungar, wurde ausfindig gemacht. Er holte Katharina zu sich in seinen Heimatort Balf (Wolfs) bei Sopron (Ödenburg), wo sie neun glückliche Jahre hauptsächlich mit den Großeltern verlebte. Dann heiratete der Vater. „Sie war Burgenländerin und eine Stiefmutter wie in Grimms Märchen. Böse und gewalttätig“, erzählt Katharina Halbeisen. Statt Geborgenheit gab es Schläge. Bei einer Attacke der Stiefmutter mit einem Beil wurde Katharina so schwer verletzt, dass sie nur knapp überlebte.

Neun Jahre alt war die Zeitzeugin, als der Zweite Weltkrieg begann, 15, als er zu Ende ging. Balf war damals von deutschen Truppen besetzt und Standort des größten Konzentrationslagers im Bezirk Sopron mit etwa 30.000 Juden. Dort befand sich auch der Hinrichtungsplatz.

„Im Winter 1944/45 mussten Juden vor unserem Haus den Schnee wegräumen“, erinnert sich Katharina. „Die Menschen hatten Hunger. Ich gab ihnen zu essen.“ Das Mitgefühl des Mädchens wurde jedoch von den beiden im Haus wohnenden SS-Soldaten nicht goutiert. „Einer packte mich am Hals, warf mich gegen die Wand und fuhr mich an: ‚Wenn wir dich noch einmal erwischen, wird es dir schlechter gehen als den Juden‘.“

Der Vater war zu dem Zeitpunkt an der Front. Er kehrte Anfang 1945 nach Balf zurück. „Papa durfte nicht ins Haus zurück, sondern musste unterm Schweinestall hausen.“ Dem Alkohol verfallen, sei die Stiefmutter immer gewalttätiger geworden, auch dem Vater gegenüber. „Sie hat mehrmals gedroht, ihn umzubringen.“

Die Sowjets sind im Dorf

Aufgrund der nahen Grenze zu Österreich wurde in Balf oft Fliegeralarm ausgelöst. „Wir flüchteten in den Gemeinschaftsbunker im Dorfzentrum.“ Dort unten harrten die Menschen aus, bis die Gefahr vorüber war. In jenem Luftschutzkeller saß Katharina mit ihren Angehörigen auch am 6. Mai 1945, als die Rotarmisten ins Dorf zogen. „Eine Gruppe sowjetischer Soldaten stampfte zu uns herunter, schaute sich nach deutschen Soldaten um und ging wieder“, erinnert sie sich. „Kurz darauf erschien jemand von der Gemeinde und verkündete, der Krieg sei aus. Wir sollen nach Hause gehen.“

Die meisten sowjetischen Besatzungssoldaten beschreibt Katharina Halbeisen als eher älter und sehr freundlich. „Sie haben uns nichts getan.“ Im Vortrupp hingegen habe es ziemlich rabiate Männer gegeben. „Zwei meiner Tanten sind von Soldaten vergewaltigt worden.“ Eine wurde schwanger und wanderte mit ihrem Besatzungskind in die USA aus. Die Stiefmutter verschwand. „Sie ist mit Russen fortgegangen.“

Nach Kriegsende wurde ein großer Teil der ungarndeutschen Einwohner aus Sopron und Umgebung vertrieben. Auch Katharinas Familie musste gehen und alles zurücklassen. „Wir wurden in Viehwaggons verladen und nach Bamberg in Deutschland gebracht.“ Katharina wurde einem Bauern in Oberfranken als Arbeitskraft zugewiesen. „Ein wunderbarer Platz war das. Ich betreute 16 Kühe.“

Ihrer leiblichen Mutter hat Katharina längst verziehen: „Sie war damals, als sie mich aussetzte, sehr verzweifelt.“

Die Menschen hatten Hunger. Ich gab ihnen zu essen.

Katharina Halbeisen
Während des Krieges lebte Katharina (r.) bei ihrem ungarischen Vater und den Großeltern in Balf bei Sopron.  
Während des Krieges lebte Katharina (r.) bei ihrem ungarischen Vater und den Großeltern in Balf bei Sopron.  

Zur Person

Katharina Halbeisen,
geborene Renner, kam 1948 nach Vorarlberg. 54 Jahre lang war sie mit Emil Halbeisen verheiratet.

Geboren: 20. August 1930

Wohnort: Meiningen

Beruf: Arbeiterin, Hausfrau

Familie: Witwe, 1 Sohn, 3 Töchter, 13 Enkelkinder, 14 Urenkel