Tastentiger mit den Musikpartnern

Kultur / 31.05.2015 • 20:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Pianist Aaron Pilsan mit Mariella Haubs und Kian Soltani. Foto: Schubertiade
Pianist Aaron Pilsan mit Mariella Haubs und Kian Soltani. Foto: Schubertiade

Aaron Pilsan war am Wochenende strahlender Mittelpunkt der Schubertiade.

HOHENEMS. Das war von Beginn an ein vollgültiges Schubertiade-Konzert auf hohem Niveau, bei dem es auch angesichts der Jugendlichkeit der Mitwirkenden keines gnädigen Augenzudrückens oder verständnisvoller Nachsicht bedurft hätte. Auch wenn mit einem Durchschnittsalter von 20 Jahren das wohl jüngste Ensemble aller Zeiten auf der Bühne des Markus-Sittikus-Saales stand. Angeführt wurde es vom Pianisten Aaron Pilsan aus Dornbirn, dem nach regelmäßigen Festivalauftritten seit 2012 von Gerd Nachbauer heuer erstmals das erste von zwei speziellen Konzertwochenenden „mit Gästen“ anvertraut worden war. Ein „Heimspiel“ also vor ausverkauftem Saal und ein Glücksfall für den jungen Künstler, der diese Chance überlegen zu nutzen verstand. Als Gastgeber wählte er seine Gäste sorgfältig aus jenem Pool von Künstlern der jüngsten Generation, die wie er selbst gleichwohl bereits über internationale Erfahrungen und Konzertroutine verfügen, und überlegte sich dazu ein Programm voll spannender Konstellationen.

Sein Konzept ist gleich am ersten Abend aufgegangen, nicht zuletzt deswegen, weil Pilsan bereits jetzt über jene Vielfalt an Ausdrucks- und Einsatzmöglichkeiten verfügt, die ihn sowohl als Solisten am Klavier wie als Kammermusiker absolut glaubhaft erscheinen lassen: der strahlend auftrumpfende Tastentiger ist ebenso auch Begleiter und Partner, der sich als Teil eines großen Ganzen bewusst zurücknimmt. In beiden Funktionen hat er am Klavier natürlich den Löwenanteil am zweistündigen Programm zu tragen und beweist dabei zudem entsprechende Stabilität.

Jubelorkan ausgelöst

Zusammen mit dem britischen Bratschisten Timothy Ridout, der beim Festival debütiert, gelingt zum Auftakt eine so diffizile und fesselnde Version der viel gespielten „Arpeggione“-Sonate Schuberts, dass sich innert Kurzem eine unglaubliche Spannung im Saal aufbaut. Es ist eine ganz in sich gekehrte Fassung, in der für tänzerische Elemente kaum mehr Platz bleibt. Dafür wird der Mittelsatz extrem verlangsamt, wie unter einer Tonlupe seziert, Strukturen werden freigelegt und mit vibratolosem Spiel auf der wunderbaren Viola von 1677 neu beleuchtet, ein fast gespenstischer Eindruck, der prompt den ersten Jubel­orkan auslöst.

Dann greift Pilsan solo in die Tasten, mit Beethovens „Eroica-Variationen“, in denen der Meister ein markantes Thema aus dem Finale seiner dritten Symphonie in technisch anspruchsvoller Weise ausziert. Diese Vorgaben bewältigt Pilsan, längst gestählt an Schuberts nicht minder problembeladener „Wandererfantasie“, scheinbar mühelos und mit großer Geste. Weit mehr beeindruckt, wie tiefgründig er den unterschiedlichen Ausdrucksvarianten auch optisch nachspürt: fragend, nachdenklich, übermütig zupackend oder todtraurig und mit Beinen, die bei schnellen Passagen mittanzen.

Das Klaviertrio f-Moll von Dvorak ist eine emotionale Offenbarung des Komponisten. Er hat darin Zweifel und Hoffnung, Trauer und Wut gebündelt. Pilsan und seine weiteren Gäste, die bayerische Geigerin Mariella Haubs mit ihrer Guarneri und sein iranisch-stämmiger heimischer Musikerfreund Kian Soltani am Cello, wissen um diese Besonderheiten. Anstelle folkloristischer Belanglosigkeit spielen sie sich in einem gemeinsamen Atem, wie sie ihn hier in wenigen Probentagen perfektioniert haben, leidenschaftlich die Seele aus dem Leib. Da funktionieren feinste Details in der Abstimmung, da wird herzhaft zupackend musiziert oder zum Weinen schön, der ideale Zugang zu Dvorak ist gefunden. Auch hier ist der Jubel des stark lokal durchsetzten Publikums grenzenlos. Gerd Nachbauer ist mit dieser Idee einer stärkeren Verankerung seines Festivals in der Bevölkerung ein deutliches Stück näher gekommen.

Nächste Schubertiade-Konzerte: 20. bis 28. Juni, Schwarzenberg. Konzertzyklus „Kian Soltani und seine Gäste“: 11. bis 13. September