Blasender Hirt auf dem Hügel

Kultur / 18.12.2016 • 19:57 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Komponist Herbert Willi, Solist Negrini und Dirigent Lack.
Komponist Herbert Willi, Solist Negrini und Dirigent Lack.

Konservatoriums­orchester spielte Erstaufführung von Willis Klarinettenkonzert.

FELDKIRCH. Aufregende Premiere gestern bei der traditionellen Weihnachtsmatinee des Sinfonieorchesters des Landeskonservatoriums im Festsaal des Hauses. Es ging um nichts weniger als die Vorarlberger Erstaufführung eines Werkes von Herbert Willi, das nach seiner Uraufführung 2006 bei den Salzburger Festspielen mit weiteren 17 Wiedergaben u. a. durch die Wiener Philharmoniker unter Legende Gustavo Dudamel oder beim Pacific Music Festival in Japan seinen Siegeszug durch die Musikwelt angetreten hat, in der Heimat des Komponisten aber noch nie zu hören war. Es blieb dem Konse-Orchester unter seinem Dirigenten Benjamin Lack vorbehalten, das Klarinettenkonzert des am Haus als Dozent tätigen Herbert Willi hier aus der Taufe zu heben – und dies mit deutlichem Erfolg.

Herbert Willis Musik ist komplex in ihrem Aufbau, sie erfordert auch von Profis eingehende Befassung durch die Interpreten, um zur beabsichtigten Wirkung zu kommen. Benjamin Lack, der dieses Orchester seit 2009 kontinuierlich auf seinem Weg nach oben begleitet und geformt hat, setzte deshalb im Vorfeld auch ein eigenes Orchestercamp in Anwesenheit des Komponisten an, um gemeinsam dem Stück den letzten Schliff zu geben. Das hat sich ausgezahlt. Die jungen Musiker waren dabei Feuer und Flamme für ihre Begegnung mit einem prominenten Werk neuer Musik und setzen die gemachten Erfahrungen auch im Konzert mit so viel Einsatz um, dass allein das Zusehen eine Freude ist.

Während bei der Uraufführung die gefeierte Israelin Sharon Kam den fordernden Solopart spielte, hat das hier mit dem Italiener Francesco Negrini (34) ein weiterer Dozent übernommen, der seit März 2014 am Konservatorium wirkt. Und auch er geht mit seiner Klarinette voll auf in diesem Werk, teilt sich auf vielfältige Weise mit, wenn er in „Ego eimi“ (griech. „Ich bin“) zum personifizierten Hirten auf dem Hügel wird, der in drei Abschnitten seine Abenteuer mit dem Orchester erlebt – in der Begegnung, im Diskurs und im resignierenden Abgesang, ein- und ausgeleitet mit zwei jazznahen, langen Kadenzen. So hat es sich Willi beim „In sich Hineinhören“ und seinem Eins-Sein mit der Stille und der Natur erdacht in seinem ausgeprägten Individualismus, der sich keiner Schule und keinem Stil verpflichtet fühlt. Ein Werk von kraftvoll faszinierender Wirkung, mit seinen pastoralen Streicher-Klangflächen dem Zyklus „Montafon“ geschuldet, in leicht nachvollziehbarer Tonsprache, geschärften Klangwirkungen und raffinierter Instrumentation nah am Publikum komponiert.

An Aufgaben gewachsen

Der pausenlos angefügte zweite Programmpunkt bestätigt die Aussage von Direktor Jörg Maria Ortwein: Dass das Sinfonieorchester des Konservatoriums heute durchaus imstande ist, populäres klassisch-romantisches Standardrepertoire zu spielen, wie im Vorjahr Beethovens „Fünfte“ und nun Dvo­ráks Symphonie Nr. 9, „Aus der Neuen Welt“, ohne sich für einen Vergleich mit Vorbildern genieren zu müssen. Benjamin Lack gelingt es, das reine Studentenorchester für dieses Repertoire zu begeistern, den jungen Erwachsenen dabei in freundschaftlicher Atmosphäre wichtige Orchestererfahrung und Routine für ihren späteren Beruf zu vermitteln. Auch der große Streicherapparat ist dank neuer Lehrkräfte an seinen Aufgaben gewachsen und beeindruckt diesmal sehr kompakt unter Konzertmeisterin Katja Blejer.

Dvoráks Werk entsteht unter diesen Vorgaben in einer geschlossenen, musikantisch geprägten Wiedergabe, in der viel Platz ist für große Wirkungen und kleine persönliche Artikulationen, für das wunderbar ausgespielte, berühmte Largo mit der klagenden Heimwehmelodie des Englischhorns (Martina Gabriel) und die rhythmische Kompaktheit des dritten Satzes.

Eine aufregende Premiere stand gestern bei der Weihnachtsmatinee des Orchesters des Landeskonservatoriums im Mittelpunkt. Foto: JU
Eine aufregende Premiere stand gestern bei der Weihnachtsmatinee des Orchesters des Landeskonservatoriums im Mittelpunkt. Foto: JU

Nächstes Konzert am Landeskonservatorium: 25. Februar, Große Hausmusik zum 40-Jahr-Jubiläum.