Grundeinkommen, „das wir uns gegenseitig schenken“

Politik / 18.12.2016 • 22:26 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Bücheles Worte sind nach wie vor aktuell. Foto: VN
Bücheles Worte sind nach wie vor aktuell. Foto: VN

Heute zeigt sich, wie weit der Vorarlberger Herwig Büchele seiner Zeit 1986 voraus war.

Wien. (joh) „Wenn wir so weitermachen, bekommen wir so etwas wie eine neue Klassengesellschaft“, warnte Herwig Büchele: Zwei Drittel haben demnach Arbeit und sind einigermaßen abgesichert. Ein Drittel hat keinen Job und ist relativ arm. In den USA und in Großbritannien sei das bereits Realität, so der damals 50-Jährige: „Durch die technologische Revolution wird uns immer mehr Erwerbsarbeit weggenommen.“ Und dabei stehe man erst am Anfang: Gerade einmal fünf Prozent dessen, was möglich sei, sei rationalisiert.

Diese Worte sind nach wie vor aktuell. Dabei hat sie der gebürtige Vorarlberger vor exakt 30 Jahren gesprochen. Auf einem Vortrag, den der Jesuit und Professor für Christliche Gesellschaftslehre am 23. Jänner 1986 in Wien hielt. Gemeinsam mit der Sozialwissenschaftlerin Lieselotte Wohlgenannt hatte er kurz davor ein Buch geschrieben. Titel: „Grundeinkommen ohne Arbeit“.

Bücheles Rede wurde aufgenommen und in der Mediathek des Technischen Museums archiviert. Dort ist sie online abrufbar. Gerade in Zeiten wie diesen, in denen mehr denn je von Massenarbeitslosigkeit, digitalem Wandel und der Mindestsicherung gesprochen wird, lohnt es sich, sie anzuhören. Sie eröffnet einen neuen Zugang.

Wie Herwig Büchele ausführte, bringen Rationalisierungen Probleme, aber auch wenigstens eine Chance mit sich. Zunächst einmal können sie Sorgen und Nöte bei denen auslösen, die eine Stelle verlieren. Auf der anderen Seite aber können sie auch die Möglichkeit schaffen, darüber nachzudenken, wie man leben wolle: „Wollen wir arbeiten, um zu leben, oder leben, um zu arbeiten?“

Die Probleme und die eine Chance muss man zusammen denken, wenn man Bücheles Zugang zu einem Grundeinkommen nachvollziehen will: „Wir lehnen es strikt ab, dieses Grundeinkommen isoliert zu sehen“, betont er für sich und Wohlgenannt. Sie gingen von monatlich 4000 Schilling für Erwachsene und 2000 Schilling für Kinder aus. Mittlerweile würde das rund 550 bzw. 275 Euro entsprechen. Das sollte kein Almosen sein, sondern „etwas, was wir uns gegenseitig schenken“, so Büchele; es sollte „von unmittelbarer Not befreien“.

Damit verbunden wäre aber auch eine neue Definition von Arbeit: Sie sollte mehr sein als der klassische Job. In seinem Vortrag verwendet Büchele den Begriff Tätigkeiten. Dazu würde auch „Eigenarbeit“ zählen, also etwa kochen, bügeln, handwerken etc. Und im Übrigen würde gesellschaftliches Engagement dazu gehören, wie Nachbarschaftshilfe und Vereinstätigkeiten.

All diesen Bereichen sollten jeweils ein paar Stunden täglich gewidmet werden. Womit ein Grundeinkommen eine Win-Win-Situation brächte: Die Gesellschaft gibt dem Einzelnen etwas Geld, der Einzelne gibt der Gesellschaft wichtige Leistungen. Büchele ist heute 81 und lebt zurückgezogen.