Im Clinch mit dem Arbeitszeitgesetz

Vorarlberg / 19.12.2016 • 22:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Personalmangel zwingt Apotheken zu Neuregelung des Bereitschaftsdienstes ab 2017.

Höchst. Nicht nur Krankenhäuser plagen sich mit dem von der EU verordneten Arbeitszeitgesetz. Jetzt erwischt es auch die Apotheken. Sie müssen den Bereitschaftsdienst neu organisieren, was de facto einer Kürzung gleichkommt. So wird es die „Apotheke in der Nähe“ ab dem kommenden Jahr nur noch angepasst an die Abend- und Bereitschaftsdienstzeiten der niedergelassenen Ärzte geben. In allen anderen Fällen könnten die Wege zur nächstgelegenen Apotheke weiter werden. Der Grund für diese einschneidenden Maßnahmen ist personeller Natur. „Zur Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes fehlen uns die Leute“, bestätigt Jürgen Rehak, Apothekerkammerpräsident für Vorarlberg und bald auch für Österreich, auf VN-Nachfrage. Das gemeinsam erarbeitete Modell muss noch vom Land genehmigt werden. Dann treten die Änderungen in Kraft.

Mindestens 23 Stunden frei

Vorarlberg ist das erste Bundesland, das, so hofft Rehak jedenfalls, ein für alle erträgliches Konzept auf den Tisch gebracht hat. „Wir möchten die Belastungen für Kunden und Apotheken möglichst niedrig halten“, sagt der Apothekerchef. Doch ohne Einschnitte gehe es nicht. Allein im Rheintal würden zwölf Pharmazeuten benötigt, um die Diensträder wie bisher aufrechterhalten zu können. Denn bald spielt es sich nicht mehr, dass, wer untertags und anschließend in der Nacht gearbeitet hat, am nächsten Tag schon wieder im Geschäft steht. Künftig müssen mindestens 23 Stunden zwischen dem absolvierten und dem nächsten Tag- und Nachtdienst liegen. Die dadurch entstehenden Personalengpässe lassen sich laut Rehak nicht kompensieren. Es herrscht auch in dieser Branche ein Mangel, zumal Bereitschaftsdienste nur von Pharmazeuten geleistet werden dürfen. In Vorarlberg gibt es 51 Apotheken mit 580 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, von denen 170 Akademiker sind.

An Ärztedienste gekoppelt

Jürgen Rehak räumt ein, dass man bis jetzt zwar mit einem System aus den 1950er-Jahren gearbeitet habe, die Bereitschaften aber nicht allzu sehr ins Gewicht gefallen seien. „Es gab während der Nacht genug Ruhephasen“, spricht er von einer vielfach eher moderaten Beanspruchung. Doch Gesetz ist auch für die Apotheken Gesetz, weshalb eine Neuordnung erforderlich war. Die sieht in erster Linie größere Abstände zwischen den diensthabenden Apotheken vor. „War die eine Apotheke bisher zehn Kilometer entfernt, wird man künftig vielleicht zwanzig Kilometer bis zur nächsten fahren müssen“, nennt Rehak ein Beispiel. Damit die Patienten aber nicht gänzlich im Regen stehen, wird der Bereitschaftsdienst zumindest an die Abendordinationen der Ärzte gekoppelt. Das heißt, praktiziert ein Arzt bis 20 Uhr, ist die nächstgelegene Apotheke so lange in Bereitschaft. Gleiches gilt für die ärztlichen Wochenenddienste. „Die Apotheke in der Nähe hält eine Stunde länger offen als der Arzt“, merkt Rehak noch an.

Die neue Regelung ist flächendeckend akkordiert und ebenso mit den Bezirkshauptmannschaften abgestimmt. Im Herbst 2017 soll dann eine Evaluierung zeigen, ob sich die Maßnahme bewährt. Bis 2018 müssen alle Apotheken in Österreich eine Lösung für das Arbeitszeitgesetz gefunden haben.

Wir möchten die Belastungen für Kunden und Apotheken natürlich möglichst niedrig halten.

Jürgen Rehak
Das Arbeitszeitgesetz bringt auch Unruhe in die Reihen der Apotheker. Neue Bereitschaftsdienstmodelle sind gefragt. Foto: apa
Das Arbeitszeitgesetz bringt auch Unruhe in die Reihen der Apotheker. Neue Bereitschaftsdienstmodelle sind gefragt. Foto: apa