Kathrin Stainer-Hämmerle

Kommentar

Kathrin Stainer-Hämmerle

Achtsam statt furchtsam

Spezial / 20.12.2016 • 22:44 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

London, Paris, Brüssel, Kopenhagen, Istanbul, Nizza und nun Berlin. Der Terror ist zurück in Europa und macht uns Angst. Die Toten und Verletzten fünf Tage vor Weihnachten machen besonders betroffen. Statt Frieden und Versöhnung in der Adventzeit, heimtückischer Mord an Unschuldigen. Anders ist dieser Anschlag nicht zu bezeichnen.

In solchen Momenten rücken die Jubelmeldungen über die Weihnachtsumsätze in den Hintergrund. Da braucht es keine Ermahnung wider den Konsumrausch. Rasch werden die wichtigen Dinge des Lebens bewusst: Friede, Sicherheit, Vertrauen. Wenn Menschen kurz vor Heiligabend so abrupt aus dem Leben gerissen werden, kann sich niemand das Leid ihrer Familien vorstellen. Und wir alle blicken uns misstrauisch um, denn das Schrecklichste am Terror ist sein plötzliches Zuschlagen – und die ständige Angst davor.

Am Tag des Anschlags wird in Ankara der türkische Botschafter erschossen, in einem muslimischen Gebetszentrum in Zürich werden drei Menschen bei einer Schießerei verletzt, in Salzburg wird ein mutmaßlicher Islamist verhaftet. Alle diese Meldungen prasseln auf uns ein, oft verstärkt und verzerrt durch die Echoräume in den sozialen Medien. Die Furcht frisst sich so weiter in unsere Gesellschaft.

 

Große Bühne für Innenminister Wolfgang Sobotka. Er appelliert an den Zusammenhalt Europas und ruft besonnen zum Weitermachen auf. Wir dürfen uns von Attentätern nicht unsere Gebräuche und Lebensgewohnheiten nehmen lassen. Eine freie, demokratische Gesellschaft muss die Kraft haben, dem Terror zu widerstehen. Doch unsere Gesellschaft rüstet sich hoch. Steigende Ausgaben für Sicherheit, Militär, Polizei und Überwachung sind heute leicht zu rechtfertigen. Sinnvoller wären aber zusätzliche Vorschläge der Bildungsministerin, von Sozialminister und Außenminister zur Bekämpfung der Radikalisierung, der Ungleichheit innerhalb unserer Gesellschaft wie international sowie von Krieg und Armut weltweit.

Hohe Mauern und Rückzug ins Private können uns nicht schützen. Bildung, Sozialstaat sowie internationale humanitäre und wirtschaftliche Hilfe sind Instrumente, die längerfristig Sicherheit, Frieden und unsere Demokratie sichern.

Heuer ist uns die Unbeschwertheit des Weihnachtsfestes abhandengekommen. Doch die nun beschworene Einigkeit sollte nicht gegen einen Außenfeind erzeugt werden. Ein Täter steht nicht für eine ganze Gruppe, egal, woher er kommt und aus welchen Motiven er handelte. Was wir alle beitragen können, ist eine Entradikalisierung der Sprache und unserer Argumente. Vor allem sollten wir uns achtsam begegnen, nicht furchtsam, und dabei unser Mitgefühl für Menschen wahren, deren Weihnachten noch weniger friedlich ist.

Bildung, Sozialstaat, humanitäre und wirtschaftliche Hilfe sind Instrumente, die längerfristig Sicherheit, Frieden und unsere Demokratie sichern.

kathrin.stainer-haemmerle@vn.at
FH-Prof. Kathrin Stainer-Hämmerle, eine gebürtige Lustenauerin,
lehrt Politikwissenschaften an der FH Kärnten.