Es war kein versuchter Mord

Vorarlberg / 20.12.2016 • 22:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
VN-Bericht vom 6. Juni 2016.
VN-Bericht vom 6. Juni 2016.

Iraner am Landesgericht Feldkirch nach Messerattacke zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Feldkirch. Ein wenig Deutsch kann der 18-jährige Angeklagte ja, er habe es im Gefängnis gelernt. „Ich bin im Jahre eintausendneunhundertachtundneunzig geboren“, erwidert er im Geschworenenprozess in Feldkirch gleich eingangs die Frage von Richterin Sonja Nachbaur nach seinem Alter. Ansonsten ist ein der iranischen Sprache mächtiger Dolmetscher am Zug.

Die schwerwiegendste Anklage gegen den 18-Jährigen lautet versuchter Mord. Es geschah im Juni 2016 in der Asylantenwohnung des Iraners in Schlins, als mit mehreren Flüchtlingen ein Geburtstagsfest gefeiert wurde. Mit zwei Flaschen Wodka und 24 Dosen Bier im Kühlschrank. „Am Anfang war es lustig, dann kippte die Stimmung“, übersetzt der Dolmetscher unisono die Aussagen der Zeugen. Auch jene des Angeklagten selbst.

Zwist um „Nationalitäten“

Ein Streit entflammte. Es ging, wie alle sagen, um „Nationalitäten“. Schließlich griff der 18-jährige Iraner laut Anklage zu einem Messer, ging auf einen 17-jährigen Afghanen los, stach ihm zwei Mal in den Rücken und fügte ihm dabei einen lebensgefährlichen Lungendurchstich zu. „Wären die Verletzungen nicht sofort operativ behandelt worden, wäre mit Sicherheit der Erstickungstod eingetreten“, wird im gerichtsmedizinischen Gutachten angeführt.

Der Tat im Vorgarten des Hauses sollen neben reichlich geflossenem Alkohol auch Mordrohungen seitens des Iraners vorausgegangen sein. „Er sagte mir, ich bringe dich um“, sagt sein damaliges Opfer als Zeuge im Schwurgerichtssaal aus. Der junge Afghane sei vor dem Iraner geflohen, aber an einem Gartenzaun hängengeblieben und dort mit dem Messer attackiert worden.

„Keine Tötungsabsicht“

Der Angeklagte selbst ist nur teilweise geständig. Von einer Tötungsabsicht will er aber nichts wissen. Und auch nicht von einer Morddrohung. „Ich habe ihn nur beschimpft, aber nicht bedroht“, lässt er sich übersetzen. „Und nie habe ich daran gedacht, ihn umzubringen. Ich wollte ihn nur verletzen und mit dem Messer schlagen, aber nicht stechen“, beteuert der 18-Jährige. „Außerdem war ich damals betrunken und wütend.“ Das zeigte sich im Anschluss an die Tat auch bei seiner Festnahme durch die alarmierte Polizei. Fünf Streifen mussten damals anrücken, um den Tobenden zu bändigen.

Insgesamt hatten sechs Asylanten an der Party mit beinahe tödlichem Ausgang beigewohnt. Wie sich bei der Verhandlung rausstellte, mussten Wodka und Bier in Strömen geflossen sein, denn als Zeugen können sich viele nicht mehr an Details erinnern.

Knappe Entscheidung

Nach einer langen Beratung kamen die acht Geschworenen (mit einer knappen Abstimmung von vier zu vier) zur Entscheidung, den Angeklagten vom versuchten Mord freizusprechen. Verurteilt wurde er zu zwei Jahren unbedingter Freiheitstrafe, unter anderem wegen absichtlich schwerer Körperverletzung, gefährlicher Drohung und in zwei Fällen von Nötigungen.

Verteidiger German Bertsch berät sich kurz vor dem Verhandlungsbeginn noch mit dem 18-jährigen Angeklagten. Foto: VN/Sohm
Verteidiger German Bertsch berät sich kurz vor dem Verhandlungsbeginn noch mit dem 18-jährigen Angeklagten. Foto: VN/Sohm