Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Heiliger Abend

Vorarlberg / 20.12.2016 • 19:03 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Geh in dein Zimmer und schau, ob du noch schläfst!“, sagte der Vater zu seinem vierjährigen Sohn. Er stand ihm im Weg. Der Vater war nämlich gerade dabei, in den Weihnachtsbaum Astlöcher zu bohren. „Du hast schon recht gehört: Geh und schau, und wenn du noch schläfst, weck dich auf, dann zieh dir die feinen Sachen für das Christkind an und warte, bis man dich ruft!“

„Ich bin doch wach“, sagte der Kleine. „Warum soll ich mich dann wecken?“ Er war verwirrt und zupfte seinen Vater am Ärmel.

„Geh schon“, sagte der Vater, „du stehst mir im Weg!“

Der Kleine suchte seine Mutter, aber die hatte sich im Schlafzimmer eingesperrt und reagierte nicht auf sein Klopfen. Er ging ins Kinderzimmer und niemand lag auf seinem Bett. Er kannte sich nicht aus. Er war ein verträumtes Kind und wurde deshalb immer wieder erschreckt. Er stellte sich vor die Schlafzimmertür und rief laut:

„Mama, mich gibt es nur einmal!“

Aber die Mama antwortete nicht, weil sie vertieft in ihre Yoga-Übung war. Sie sagte, sie brauche Ruhe vor dem Fest, sonst würde sie das nicht überleben. – Was hieß nun das schon wieder: nicht überleben? Er nahm alles wörtlich, das war sein Problem. Er ahnte, man wollte ihn nur verunsichern. Aber was wusste er schon? Er hatte keine Vergleichsmöglichkeiten, keine Geschwister. Vom Kindergarten hatten sie ihn wieder weggeschickt, er war ihnen noch zu verträumt und sollte erst wieder kommen dürfen, wenn er bis zwanzig zählen konnte. Dabei konnte er längst bis dreißig zählen. Die Kinder hatten ihn geschubst, seine Stiefel versteckt, seine Mütze, und dann behauptet, er hätte gar keine auf dem Kopf gehabt. Warum verwirrte man ihn so?

 

Die Mutter nahm ihn auf den Schoß und wiegte ihn, als wäre er zwei. Das gefiel ihm einerseits, andererseits fand er es unpassend.

Was würde ihm das Christkind bringen? Und gab es das Christkind in Wirklichkeit, oder waren es nur die Eltern, die die Geschenke kauften und dann unter den Christbaum legten? Das hatte ihm ein Mädchen aus der Kindergruppe erzählt.

Aber er wollte glauben, was die Mutter und der Vater sagten, und wenn er an das Christkind dachte, war es das mit dem langen goldenen Kleidchen, den Flügelchen und dem Heiligenschein. Außerdem gab es das Christkind noch ein zweites Mal, und zwar als Baby in der Krippe, wo auch der Ochs und der Esel und seine Eltern standen, die waren aus Gips und ins Moos gestellt, das er mit seinem Papa im Wald gesammelt hatte.

Er hatte sich ein Feuerwehrauto gewünscht. Das war ein Auto zum Spielen, und in den Schläuchen war kein Wasser, also konnte man es in Notfällen nicht verwenden.

Das Leben war so kompliziert und zu Weihnachten besonders.

Er war ein verträumtes Kind und wurde deshalb immer wieder erschreckt.

monika.helfer@vn.at
Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.