Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Unfromme Wünsche

Vorarlberg / 20.12.2016 • 18:34 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Zaghaft tastet sich die junge Frau vor in dem Gespräch. Sie arbeitet mit Kindern. Dadurch sieht sie in viele Familien hinein. Das erzeugt nicht immer Glücksgefühle. Aber es schärft ihren Blick für die vielen Ungereimtheiten, für die hohen materiellen Ansprüche auf der einen und manches still ertragene Darben auf der anderen Seite.

Über die Jahre hat sie ein feines Sensorium entwickelt für eine Welt, die aus dem Gleichgewicht geraten ist. Und dann sagt sie, einzeln legt sie die Worte auf den Tisch: „Vielleicht würde uns eine Krise helfen.“

Also eine wirkliche. Eine existenzielle. Die, um die Menschen aufzurütteln, übers Land fegt. Sie wünscht den Menschen nichts Schlechtes. Aber sie wünscht sich in manchen Stunden so sehr, dass sie aufwachten aus ihren verrückten Träumen, aus den anmaßenden Wünschen, aus dem viel zu früh gerufenen „Das steht mir aber zu“, dass sie wieder lernten, mit der Wirklichkeit zu leben und dass ausgleichende Gerechtigkeit die Wellen glättet. So tut eine junge Frau, wofür früher die Alten belächelt wurden: Kurz vor Weihnachten hat sie weit weniger Bethlehem und eine süß-romantische Krippengeschichte vor Augen, als vielmehr jene dramatischen Momente in der großen Erzählung der Bibel, in denen ein Volk auf dem Zenit seines Überflusses zur Besinnung geprügelt wird.

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