Das große Licht

Gesund / 22.12.2016 • 22:23 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Dunkelheit war über sie gekommen. Mitten im Sommer, als noch viel Licht war, erlosch in ihr etwas. Zuerst Schwung und Kraft, dann Vitalität und Interessen, später Zuversicht und Freude, zuletzt die Hoffnung – und sogar der Glauben. Dumpfer Druck lag über ihrem Leben, bleierne Müdigkeit breitete sich in Körper und Seele aus, quälende Angst umfasste ihr Inneres. Kleinigkeiten wurden zu überwindlichen Problemen, Alltägliches zur erdrückenden Last. Sie konnte nichts mehr empfinden, nicht einmal mehr traurig sein, nur noch grübeln, Tag und Nacht. Sie fühlte sich lebendig begraben und der Gedanke an den großen Schlaf war einzig noch Trost.

Sie leide an der Krankheit unserer Zeit, sagten die Ärzte. Jeden könne es treffen: Arm und Reich, Jung und Alt, Frauen häufiger als Männer. Die schöne Marilyn habe daran gelitten und der große Goethe, der komische Charly und selbst der Sieger des Zweiten Weltkrieges. Seinen „großen schwarzen Hund“ habe er die Depression genannt. Im Zustand der Hoffnungslosigkeit sehe man alles düster, die bunte Welt sei grau, die Zukunft schwarz. Hoffnung gebe vielleicht das Licht: Licht könne heilen und wenn man das Licht wieder spüre, sei das Eis der Schwermut gebrochen.

Alle Therapien wurden bei der Frau versucht, keine konnte das Dunkel erhellen. Als sie sich am Tag vor Weihnachten durch die eisige Markstraße quälte, ging es ihr so schlecht wie nie. Das Leuchten der Lichterketten berührte sie nicht, das Lachen der Kinder klang wie Hohn, der frisch gefallene Schnee schien wie ein Leichentuch. Nicht einmal das Fest der Freude könne ihr helfen, sagte sie ohne Hoffnung.

Da sah sie einen Jungen, der das Friedenslicht geholt hatte. Er kämpfte mit seiner Laterne gegen Kälte und Wind, die Kerze drohte zu erlöschen, die Flamme war schon fast ausgegangen, aber immer flackerte sie wieder auf. Als die depressive Frau den ungleichen Kampf sah, fühlte sie etwas. was sie seit Langem nicht mehr kannte: Interesse und Neugier. Ob die Kerze im Wind bestehen könne? Ob das schwache Licht stärker sei als die Gewalt der Natur? Ob der Junge seine wichtigste Gabe nach Hause retten könne?

Sie folgte ihm. Und als sie sah, wie er mit der aufleuchtenden Kerze voll Freude das rettende Haustor durchschritt, geschah ihr eigenes Weihnachtswunder: Sie spürte das Licht plötzlich in sich selbst.