„Hypo-Verstaatlichung war die richtigste Entscheidung“

Politik / 22.12.2016 • 22:33 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Vernunftehe sei noch ein größeres Erfolgsprojekt als die große Koalition, sagt Ex-Vizekanzler Pröll. FOTO: Die Presse/Clemens Fabry
Die Vernunftehe sei noch ein größeres Erfolgsprojekt als die große Koalition, sagt Ex-Vizekanzler Pröll. FOTO: Die Presse/Clemens Fabry

Ex-Vizekanzler Pröll warnt die ÖVP davor, in verkrusteten Strukturen zu verenden.

Wien. Vor über fünf Jahren ist Josef Pröll (ÖVP) als Vizekanzler und Finanzminister zurückgetreten. Die Verstaatlichung der Kärntner Krisenbank Hypo Alpe Adria sieht er nicht als Schatten in seiner politischen Biografie.

Seit 2011 sind Sie weg aus der Politik. Geht sie Ihnen nicht ab?

Pröll: Jeder, der aus der Politik geht und sagt, sie fehlt mir nicht, der lügt. Politik ist spannend – immer noch. Aber ich habe keine parteipolitischen Interessen mehr.

Sie sind einfaches Mitglied?

Pröll: Ich bin ein einfaches Parteimitglied, das sich freut und das leidet.

Was macht das Leid aus?

Pröll: Dass die Umfragen nicht besser sind. Aber es gibt durchaus Hoffnung. Reinhold Mitterlehner hat sich gefestigt. Man spürt, dass er sich klar aufstellt und abgrenzt. Und dass es in dieser Mannschaft auch einen gibt – Sebastian Kurz –, der eine ganz große Begabung ist. Als Fußballfan sage ich: Es braucht hier im Team ein Zusammenspiel.

Kann das eine Doppelspitze sein – Parteichef Mitterlehner, Spitzenkandidat Kurz?

Pröll: Das ist eine Frage, die die Partei für sich entscheiden muss. Um das Derby gegen die SPÖ und für Österreich zu gewinnen, braucht es ein Mittelfeld mit Erfahrung, aber auch jene mit besonderen Begabungen, die dann auch das entscheidende Tor schießen können.

Das heißt, Kurz soll Mitterlehner nicht komplett ablösen?

Pröll: Noch einmal: Ich mische mich nicht ein.

Um im Bild zu bleiben: Waren Sie damals ein Stürmer, der in der Luft gehangen ist?

Pröll: Ich hatte viele Unterstützer. Habe aber auch selbst Fehler gemacht.

Welche Fehler?

Pröll: Der größte Fehler war sicher, dass ich mich nach einigen Jahren als Finanzminister zu sehr verbogen habe – auch gegenüber Leuten in der eigenen Partei. Ich habe zu viel Rücksicht genommen: auf die Lehrergewerkschaft, auf das eine oder andere Bundesland mit seinen Interessen. Ich habe versucht, es vielen recht zu machen und zu wenig forsch den Stürmer herausgestellt.

Waren bei Ihrem Rücktritt 2011 nur die gesundheitlichen Gründen ausschlaggebend oder auch Personen aus der eigenen Partei?

Pröll: Rein persönliche Gründe. Und ich hatte nicht mehr ausreichend Kraft, zu gestalten. Ich finde ja überhaupt, Politik muss neu gestaltet werden. Diese Strukturgeschichten müssen überwunden werden. Der strategische Vorteil der FPÖ ist ja, dass sie keine Strukturen kennt – bis auf ein paar wenige an der Spitze. Eine Parteivorstandssitzung ist dort ja mehr eine Befehlsausgabe und nicht wie bei den anderen großen Volksparteien ein Entgegennehmen der Wünsche.

Würden Sie Kurz, sollte er Parteichef werden, empfehlen, die ÖVP und ihre Strukturen hinter sich zu lassen?

Pröll: Ich glaube, auch die ÖVP erkennt, dass Personen mit Charisma, Ideen und Visionen viel mehr bringen als das Bedienen verkrusteter Strukturen. Erkennt sie das nicht, wird sie in den Strukturen verenden. Die Strukturen dürfen die Menschen nicht mehr behindern.

Was sind denn die strukturell größten Probleme in der ÖVP? Die Landeshauptleute? Die Bünde?

Pröll: Es ist eine Mischung aus allem. Strukturen, die lange für Entscheidungen brauchen, sind nicht mehr dafür geeignet, die Schlagkraft herzustellen, die es braucht. Es muss doch eine größere Freude sein, zu Entscheidungen zu kommen und etwas weiterzubringen, – als ständig den Parteiobmann zu filetieren.

Ist die große Koalition als Regierungsvariante am Ende?

Pröll: Sie war immer davon geprägt: Wir müssen und es ist gescheit. Aber wirklich mögen hat keiner.

Also eine Vernunftehe.

Pröll: Vernunftehe ist noch ein größeres Erfolgsprojekt.

Die Nacht der Hypo-Verstaatlichung bleibt der Schatten Ihrer politischen Biografie?

Pröll: Das war die schwierigste Entscheidung in meinem politischen Leben. Aber volkswirtschaftlich auch die richtigste Entscheidung.

Frei von Zweifeln?

Pröll: Frei von Zweifeln, weil die Alternative nicht abschätzbar war. Vielleicht hätte ich damals politisch durchstarten können, wenn ich gesagt hätte, ich nehme völliges Risiko, wir lassen das explodieren. Ich bin aber überzeugt, dass es am Ende für Österreich und seine Volkswirtschaft ein Riesendilemma gewesen wäre.

Das Interview führten die Chefredakteure der
Bundesländerzeitungen