Nicht alles, was Norm ist, ist auch Vorschrift

Markt / 22.12.2016 • 22:17 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Preisgünstig bauen funktioniert und wäre noch günstiger, wenn die Normen entrümpelt würden.    Foto: Rauch
Preisgünstig bauen funktioniert und wäre noch günstiger, wenn die Normen entrümpelt würden.    Foto: Rauch

Experten suchen Ausweg aus „Normenflut“ im Bau. Harmonisierung ist nötig.

Wien, Feldkirch. (VN-sca) In Österreich gelten rund 25.000 Normen, Tendenz weiter steigend. „Die Normenflut nimmt Ausmaße an, die nicht mehr länger tragbar sind. Für die Bauherren steigen dadurch die Preise immer weiter an, und für Bauunternehmer ist es mittlerweile unmöglich, den Überblick zu bewahren“, klagte der Innungsmeister der Vorarlberger Bauinnung, Peter Keckeis (60), im vergangenen Jahr in den VN. Dem Klagen des Innungsmeisters folgten konkrete Schritte.

„Zusammenspiel fehlt“

In Absprache mit dem Gewerbe sammelte die Wirtschaftskammer Vorarlberg die Beschwerden und konkreten Probleme mit Normen und brachten sie im Dialogforum Bau ein, berichtet der WKV-Fachmann Marco Tittler. Seit Jänner durchforsten nun Experten die im Bauwesen gültigen Normen und den großen Input aus Vorarlberg. Jetzt liegt ein Zwischenbericht vor. Und der bestätigt, was in Vorarlberg schon vor Jahren formuliert wurde. „Jede Regelung in sich ist logisch, aber im Zusammenspiel stimmt es nicht mehr“, fasst es Marco Schreuder, der das „Dialogforum Bau“ moderiert hat, zusammen. Gerade wenn man den Wohnbau günstiger machen wolle, müsse die Politik eine Vereinfachung durchsetzen.

Manche Normen widersprechen sogar einander oder den EU-Normen. Hier sollen die Experten, die an der Normenerstellung mitarbeiten, aktiv werden und eine Bereinigung vorschlagen. Das größere Problem aus Sicht der Experten ist aber, dass unterschiedliche Gesetze einander widersprechende Vorgaben machen. Schreuder verwies auf eine Fleischerei, die aus Sicht der Konsumentensicherheit raue Bodenfließen, laut Hygienebestimmungen hingegen glatte haben müsse.

Problematisch sei auch, dass Normen, die an sich nur Empfehlungen und keine Vorschriften sind, im Fall des Falles vor Gericht von Sachverständigen als Grundlage für Haftungen genommen werden. Daher fühlten sich Baufirmen aus Angst vor Haftungen gezwungen, alles nach Norm zu bauen. Ein weiteres Anliegen der Experten: Die billigere Zugänglichkeit von Normen, etwa über ein günstiges Onlinemonatsabo. Die WKV hat bereits im vergangenen Jahr durchgesetzt, dass verbindliche Normen überhaupt kostenlos zugänglich sind.

Nun werden online weitere Anregungen eingeholt. Diese werden in den Bericht eingearbeitet, der in der endgültigen Fassung im Mai vorliegen sollte, dann müsse sich das Normungsinstitut Austrian Standards die Frage stellen, „wie man das in die Politik hineinträgt“.

Die Normenmacher

» Österreichisches Normungsinstitut (Austrian Standards) gegr. 1920

» Mitarbeiter: ca. 121, rund 3900 Experten in den verschiedenen Komitees

» Leitung: GF Elisabeth Stampfl-Blaha

» Normen: ca. 25.000, erste Norm 1921 zur Regelung metrischer Gewinde

» Vorschläge, Infos und Statements: austrian-standards.at – dialogforum Bau