Wann ist Weihnacht?

Gesund / 22.12.2016 • 22:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Sie holten die Mutter an einem düsteren Herbsttag. Vor dem Wohnblock war ein Polizeiauto mit blinkendem Licht vorgefahren. Dann kamen vier Männer in Uniform und klingelten heftig an der Tür. Sie zeigten Mama ein Papier, auf dem „Haftbefehl“ stand und sagten, sie müsse mitkommen. Sofort und ohne Widerspruch. Sie sei eine verurteilte Verbrecherin, eine Wiederholungstäterin, mit der man lange genug Nachsicht gehabt habe. Jetzt müsse sie die gerechte Strafe absitzen. Sie solle die wichtigsten Sachen herrichten und – mit Rücksicht auf das Kind – kein Theater machen. Die Frau weinte und klammerte sich am Mädchen fest. Für die Tochter werde gesorgt, sagten die Polizisten, sie komme an einen rechten Pflegeplatz. Als die Mutter in Handschellen hinausgeführt wurde, rief sie der verschreckten Kleinen noch zu. „An Weihnachten bin ich wieder bei dir, mein Schatz, ganz sicher . . .“.

Die Pflegeeltern sagten, Mama habe gestohlen. Nicht, weil sie ein böser Mensch sei, sondern aus Not. Keine Arbeit, keinen Mann und niemanden, der ihr geholfen hätte. Mama habe alles getan, dass ihre Tochter davon nichts merke, dass diese Kleider bekomme und manchmal Spielsachen und zu Weihnachten ein schönes Geschenk. So wie die anderen Kinder. Das Mädchen sollte nie fragen, wo denn ihr Papa sei oder warum sie keine schenkenden Großeltern habe. Dem Kind dürfe es an nichts fehlen, habe die Mutter gesagt, dafür wolle sie sorgen. Wenn es sein müsse, mit allen Mitteln. Mama sei keine schlechte Frau, meinten die Pflegeltern, sie sei sogar die beste Mutter, aber man dürfe halt nicht stehlen.

Der Advent kam und Mama war immer noch nicht da. Das wartende Mädchen hatte gehört, auf Weihnachten hin bringe das Christkind in die Gefängnisse etwas, das Amnestie oder so ähnlich heiße. Dann dürften viele Gefangene wieder nach Hause, sicher auch ihre Mutter. Aber Mama kam nicht, auch nicht am Tag vor dem großen Fest. Für Wiederholungstäter gebe es keine Gnade, vermuteten die Pflegeeltern bedrückt.

Als das Mädchen am Heiligen Abend auf den Adventsmarkt durfte, hatte es ein anderes Ziel. Sie zwängte sich durch die lachenden und trinkenden Menschen, ging vorbei an den Ständen und Buden, mitten durch Geschenkszwang und Einkaufswut. Sie wünschte sich keine Zuckerwatte und keinen türkischen Honig. Sie wollte kein Handy und keinen iPad. Sie wollte zu ihrer Mutter.

In einer Nylontasche trug sie ein Geschenk mit sich: Nüsse und Mandarinen, den halben Lebkuchen vom Nikolaus und ein in Silberpapier gewickeltes Fläschchen Kölnisch Wasser. Mit ihrem ganzen Mut fragte sie die Leute, wo es denn zur Justizanstalt gehe. „Zum Gefängnis meinst du!“, herrschte sie einer an und ein anderer fragte zynisch: „Was will denn ein kleines Mädchen bei den schweren Jungs?“

Längst lag das geschäftige Treiben hinter ihr. Die grelle Weihnachtsmusik klang nur noch von weit und die zuvor nach Glühwein riechende Luft war eisig geworden. Durch Straßen, in denen es keine Adventsbeleuchtung mehr gab, erreichte sie den Rand der Stadt. Als es dunkel wurde, stand sie vor dem großen, grell beleuchteten, kalten Bau mit den vergitterten Fenstern.

Aber das Tor war verschlossen. Schon dreimal hatte sie auf den Klingelknopf gedrückt und lange im aufkommenden Schneetreiben gewartet, als hinter einer Klappe ein hartes Gesicht erschien. „An Weihnachten gibt es keine Besuchszeit – und Kindern ist der Zutritt verboten“, sagte der Wärter in abweisendem Ton. Mit einem Blick auf die Nylontasche fügte er barsch hinzu: „Alle Gefangenen haben ein amtliches Geschenkspaket erhalten, mehr ist nicht erlaubt.“ „Aber heute kommt doch das Christkind zu allen“, meinte das Mädchen. „Die Insassen bekommen nach der Anstaltsmette Weihnachtsstollen und Zimttee zugeteilt“, erwiderte die nicht mehr so kalte Stimme. „Aber ich will zu meiner Mama“. bettelte das Kind und schlug mit seinen Händchen gegen die eiserne Tür.

Der Aufseher dachte an die Vorschrift, an Recht und Ordnung, an seine absolute Verlässlichkeit, an seine tadellose Dienstbeschreibung und seine Hoffnung, demnächst befördert zu werden. Er sah aber das frierende Kind in den abgetragenen Kleidern, das zitternde Mädchen mit dem blassen, verweinten Gesicht. Der flehende Blick des Kindes und sein strenges Auge trafen sich. Da hielt der Aufseher inne, er wurde nachdenklich – und seine Mine bekam einen weichen Zug.

Und wenn sich dann das verschlossene Tor öffnet – dann ist Weihnacht.