„Wenn ihr rein kommt, dann steche ich euch ab“

Vorarlberg / 22.12.2016 • 22:32 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
VN-Bericht vom 18. November 2016.
VN-Bericht vom 18. November 2016.

Vier Monate Haft für 72-Jährigen wegen massiven Widerstands gegen die Cobra.

Feldkirch. Mit dem 14. Mai dieses Jahres brach der Tag an, vor dem sich der 72-jährige Rentner so sehr gefürchtet hatte. Es wurde Zeit zum Haftantritt. Drei Jahre Gefängnis warteten auf den betagten Oberländer, der wegen jahrelangen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt worden war.

Doch schon Beamte der Polizeiinspektion Bludenz ahnten erhebliche Probleme bei der Vorführung des Pensionisten zum Antritt der Gefängnisstrafe. Sie informierten das Sondereinsatzkommando Cobra. Als dessen Einsatzkräfte anrückten, erwartete sie eine verbarrikadierte Wohnung. Hinter der Tür, die mit einer Klappstiege verkeilt war, harrte ein verzweifelter Pensionist. „Ich gehe auf keinen Fall ins Gefängnis!“, ließ er mit Donnerstimme aus der Wohnung verlauten.

Die Beamten brachen die Türe auf – um sogleich auf ein weiteres Hindernis zu stoßen: Der 72-Jährige hatte sich in der Zwischenzeit im dunklen Schlafzimmer verbarrikadiert und dessen Tür mit einem Wäscheständer blockiert. Aber auch das war kein Hindernis für die Cobra-Spezialisten, doch hatte sich der Rentner mit einem Filetiermesser bewaffnet und wüste Drohungen ausgesprochen.

Mit Messer gefuchtelt

„Wenn ihr rein kommt, dann steche ich euch ab, ihr armen Hunde!“, erinnert sich ein Zeuge der Cobra beim Prozess am Landesgericht Feldkirch an den damaligen Wortlaut des Rentners. Der 35-jährige Beamte des Sondereinsatzkommandos, der von Richter Martin Mitteregger nicht mit Namen, sondern mit seiner Dienstnummer in den Verhandlungssaal gerufen wurde, stand damals vor der etwa 20 Zentimeter weit geöffneten Tür des Schlafzimmers. Ein zweiter Kollege schirmte ihn mit einem Schutzschild ab, und das war gut so, denn im Dunkeln war der 72-jährige erkennbar, wie er mit dem Messer fuchtelte und mit der Klinge immer wieder gegen das Schild stach.

„Wir haben mit ihm geredet, sagten ihm, dass er sich beruhigen soll und seine Situation nahezu aussichtslos sei“, erinnern sich die Beamten. Sie erzählen von einem weiteren, erschütternden Detail: „Er schnitt sich mit dem Messer selbst in den Hals.“ Damit wollte der Pensionist wohl verdeutlichen, was er immer wieder angedroht hatte, nämlich auch sich selbst umzubringen. „Es sah damals auch nach Selbstgefährdung aus, nicht nur nach einer Gefährdung unseres Teams“, bringen es die Cobra-Männer auf den Punkt. Schlussendlich wurde der renitente Rentner mit einem Taser (Elektroschocker) überwältigt.

Sich entschuldigt

Verteidiger Thomas Raneburger versucht, die rabiate Reaktion seines Mandanten von damals etwas zu entschärfen: „Es waren keine ernst gemeinten Drohungen, sondern nur Unmutsäußerungen. Er wollte sich vor dem Zugriff schützen.“ Doch Richter Mitteregger ist vom Tatbestand der gefährlichen Drohungen und dem massiven Widerstand des Angeklagten überzeugt und verurteilt den 72-Jährigen im Sinne der Anklage zu zusätzlichen vier Monaten Haft. Der Verurteilte erbittet drei Tage Bedenkzeit, nachdem er in seinem Schlusswort noch gesagt hatte: „Sollte der Eindruck entstanden sein, dass ich die Beamten bedrohte, möchte ich mich dafür entschuldigen.“