Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Fluchtachterl auf 2016

Vorarlberg / 27.12.2016 • 20:17 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Herrje, das waren noch Zeiten, als man die spärlichen Nachrichten während der Feiertage gierig verschlang, immer auf der Suche nach Gesprächsstoff: Krisen, Rücktritte, Hintergründiges, Verrücktes – egal was. Heute greift man mit einer gewissen Anspannung zum Tablet, nur um erleichtert festzustellen: nix passiert. Keine Kirche in die Luft gesprengt, kein Flüchtlingsstrom im Bombenhagel liegengeblieben. Der Atomkrieg Israel-Pakistan – ein Missverständnis. Es ist nichts passiert. Gott sei Dank.

 

2016 hat sich als das Jahr entpuppt, das uns zu einem Lebensgefühl Hochbetagter überredet hat. Statt sich auf den kommenden Sommer zu freuen – auf kurvenreiche Motorradtouren, windige Segelturns, träge Sonnenbäder am Bodensee – sind wir schon glücklich, die vergangenen 24 Stunden überlebt zu haben. Und schon wendet sich unser Blick besorgt der Silvesternacht zu. War da nicht was in Köln im vergangenen Jahr?

 

Ja, da war was. Und die nächste Horrormeldung kommt bestimmt. Wann auch immer. Aber reicht es nicht, sich dann zu fürchten? Muss das unbedingt wie in einem Akt vorauseilenden Gehorsams jetzt schon geschehen? So weit darf es nicht kommen. Also, kippen wir ein Fluchtachterl auf dieses 2016er und dann gestatten wir uns einen Luxus, der heute beinah schon fast als ignorant verworfen wird: Zuversicht.

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