Was im Land auf den Teller kommt

Vorarlberg / 27.12.2016 • 18:40 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Manuel Gohm, Lebensmittel-Experte
Manuel Gohm, Lebensmittel-Experte

Lebensmittel aus Vorarlberg sind zwar begehrt, aber nur begrenzt verfügbar.

bregenz. Ein Schweinetransport, Tierschutzaktivisten und irreführende Herkunftsangaben haben Lebensmittel aus heimischer Produktion zuletzt in die Schlagzeilen gebracht. Woher kommt, was in Vorarlberg auf den Tellern landet? „Aus dem Ländle?“ Die Grundversorgung mit Nahrungsmittel gebe Anlass zur Sorge, räumt Landwirtschaftskammerpräsident Josef Moosbrugger ein und lässt die Antwort erahnen. Lebensmittel aus Vorarlberg sind zwar begehrt, aber nur begrenzt verfügbar. Das trifft auf viele Bereiche zu, wie VN-Recherchen zeigen.

Manuel Gohm (37) ist Geschäftsführer von „Ländle Qualitätsprodukte Marketing“ und Experte für Lebensmittel aus der Region. Bei einzelnen Fleischarten kann die heimische Landwirtschaft nur einen Bruchteil des Bedarfs bedienen. So beziffert Gohm etwa den Selbstversorgungsgrad bei Schweinefleisch mit nur vier Prozent. Die Produktion sei im Land teuer, weil Futtermittel zugekauft werden müssten und es strenge Auflagen bei der Haltung gebe. Keine gute Voraussetzung für Mastbetriebe. Dennoch gibt es ein entsprechendes Angebot. Die von der Kammer vermarkteten Ländle-Metzger würden 130 Schweine wöchentlich beziehen, sagt Gohm. Allerdings hätten die Mastbetriebe Schwierigkeiten, darüber hinaus ihr Angebot zu ordentlichen Preisen zu vermarkten. „Wir haben noch leere Ställe. Wenn die Nachfrage da wäre, könnte auch mehr geliefert werden.“ Offensichtlich scheuen viele Metzgereien den Mehrpreis für die in Vorarlberg gemästeten Tiere. Der liegt laut Gohm bei 40 Cent pro Kilo zum Börsenpreis. Wünschenswert wäre für den Experten, dass der Selbstversorgungsgrad auf zehn Prozent steigt. Und was kommt nun heute an Schweinefleisch auf die Teller? 80 Prozent stamme beim Frischfleisch aus Österreich. Bei verarbeiteten Erzeugnissen wie etwa Wurstwaren sei eine Schätzung schwierig. Große Mastländer sind Deutschland, die Niederlande und Länder Osteuropas.

Kaum heimisches Geflügel

Wer sich beim leckeren Fitnessteller mit Hühnerbruststreifen auf Vorarlberger Geflügel freut, dürfte in den meisten Fällen enttäuscht werden. Nur auf jedem hundertsten Teller findet sich ein Huhn aus Vorarlberg. Federvieh ist hierzulande rar, die Zahl der Mastbetriebe gering. Zuletzt musste zudem ein ganzer Putenbestand in Hard wegen der Vogelgrippe gekeult werden. Verkauft wird in Vorarlberg, so die Einschätzung von Vermarkter Gohm, vorwiegend Fleisch von Tieren aus anderen Bundesländern und damit aus Österreich.

Schweinefleisch und Geflügel machen mit Abstand den größten Teil des Fleischabsatzes aus. Kalb und Rind steuern mit 12,5 Prozent nur einen kleineren Teil bei. In Vorarlberg selbst ist der Eigenversorgungsgrad mit 60 Prozent hoch und damit die Chance, Ländle-Qualität auf dem Teller zu haben, groß. Allerdings, räumt Gohm ein, habe es schon Zeiten mit einem Versorgungsgrad von 75 Prozent gegeben. Dort wolle man wieder hin. Einzelne Initiativen wie etwa bei Kälbern, die bisher aufgrund ihres niedrigen Gewichts in den Export gingen, würden bereits Früchte zeigen.

Erfolgsversprechend könnte auch die Zucht von Ziegen und Schafen sein. Zwar ist das Fleisch der Tiere mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von 1,2 Kilogramm im Jahr ein Nischenprodukt. 100 Prozent der Tiere seien aber aus Vorarlberg und die Produktion könnte gesteigert werden, sagt Gohm. Auch wirtschaftlich sei dieser Bereich für Landwirte interessant.

Vorarlberg ist ein Milchland. Dennoch ist nur jeder zweite Liter, der als Trinkmilch konsumiert wird, aus dem Ländle. Milch ist wichtiger Rohstoff für die Käseproduktion. Beim Exportschlager selbst liegt der Selbstversorgungsgrad bei 162 Prozent.

Zunahme bei Kartoffeln

Eine Unterversorgung gibt es hingegen bei praktisch allen pflanzlichen Nahrungsmitteln. Dafür fehlen Flächen und auch die Böden sind nur bedingt geeignet, sagt der Experte und beziffert den Selbstversorgungsgrad etwa bei Getreide mit nur einem Prozent oder bei Gemüse mit sieben Prozent. Obst fällt mit Ausnahme der Apfelproduktion (vier Prozent) nicht ins Gewicht. Zudem gibt es Sorgen, dass Betriebsübergaben scheitern könnten und das Angebot bei Äpfeln aus dem Land weiter reduziert wird.

Eine ganz andere Entwicklung gibt es bei Kartoffeln. 400 Tonnen wurden im Vorjahr geerntet. Innerhalb eines Jahres ist der Selbstversorgungsgrad von vier auf sechs Prozent gestiegen. „Und es gibt noch Luft nach oben“, ist Gohm optimistisch.

Viele schauen sich nach einem zweiten Standbein um.

Josef Moosbrugger
Trinkmilch78,2 LiterPro-Kopf-Verbrauch im Jahr49 ProzentSelbstversorgungsgradEntwicklung: Obwohl Milch das Hauptprodukt der heimischen Landwirtschaft ist und rechnerisch mehr produziert als im Land gebraucht wird, liegt der Versorgungsgrad bei Trinkmilch bei unter 50 Prozent. Ein großer Teil der Milch geht in die Käseproduktion (162 Prozent Versorgung – Überschuss wird exportiert). Am Ende entscheidet der Konsument mit seinem Kaufverhalten, ob der Selbstversorgungsgrad steigt. Die Milchproduktion wäre ausreichend groß.

Trinkmilch

78,2 Liter

Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr

49 Prozent

Selbstversorgungsgrad

Entwicklung: Obwohl Milch das Hauptprodukt der heimischen Landwirtschaft ist und rechnerisch mehr produziert als im Land gebraucht wird, liegt der Versorgungsgrad bei Trinkmilch bei unter 50 Prozent. Ein großer Teil der Milch geht in die Käseproduktion (162 Prozent Versorgung – Überschuss wird exportiert). Am Ende entscheidet der Konsument mit seinem Kaufverhalten, ob der Selbstversorgungsgrad steigt. Die Milchproduktion wäre ausreichend groß.

Schweinefleisch55,1 KilogrammPro-Kopf-Verbrauch im Jahr*4 ProzentSelbstversorgungsgradEntwicklung: Schlechte Rentabilität in der Mast und ein damit verbundener Rückgang an Produzenten hat in den letzten Jahren zu einem sinkenden Selbstversorgungsgrad geführt. Allerdings stehen auch Ställe leer, die bei entsprechender Nachfrage wieder genutzt werden könnten. Ziel ist laut Vermarkter eine Steigerung auf rund zehn Prozent.

Schweinefleisch

55,1 Kilogramm

Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr*

4 Prozent

Selbstversorgungsgrad

Entwicklung: Schlechte Rentabilität in der Mast und ein damit verbundener Rückgang an Produzenten hat in den letzten Jahren zu einem sinkenden Selbstversorgungsgrad geführt. Allerdings stehen auch Ställe leer, die bei entsprechender Nachfrage wieder genutzt werden könnten. Ziel ist laut Vermarkter eine Steigerung auf rund zehn Prozent.

Rind- und Kalbfleisch17,9 KilogrammPro-Kopf-Verbrauch im Jahr60 ProzentSelbstversorgungsgradEntwicklung: Der Versorgungsgrad war vor Jahren bereits deutlich höher – er lag bei bis zu 75 Prozent. Im Land liegt der Fokus auf Qualität und mittelfristig darauf, wieder etwa drei Viertel des Bedarfs selbst zu erzeugen. Initiativen wie etwa bei „Leichtkälbern“, die in den letzten Jahren in andere Länder exportiert wurden, zeigen bereits Früchte.

Rind- und
Kalbfleisch

17,9 Kilogramm

Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr

60 Prozent

Selbstversorgungsgrad

Entwicklung: Der Versorgungsgrad war vor Jahren bereits deutlich höher – er lag bei bis zu 75 Prozent. Im Land liegt der Fokus auf Qualität und mittelfristig darauf, wieder etwa drei Viertel des Bedarfs selbst zu erzeugen. Initiativen wie etwa bei „Leichtkälbern“, die in den letzten Jahren in andere Länder exportiert wurden, zeigen bereits Früchte.

Geflügel21,1 KilogrammPro-Kopf-Verbrauch im Jahr1 ProzentSelbstversorgungsgradEntwicklung: Es gibt kaum Produzenten im Land und die hatten zuletzt auch noch Pech. So musste aufgrund der Vogelgrippe ein gesamter Putenbestand in Hard gekeult werden. Es ist unwahrscheinlich, dass sich der Versorgungsgrad in absehbarer Zeit dramatisch ändern wird.

Geflügel

21,1 Kilogramm

Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr

1 Prozent

Selbstversorgungsgrad

Entwicklung: Es gibt kaum Produzenten im Land und die hatten zuletzt auch noch Pech. So musste aufgrund der Vogelgrippe ein gesamter Putenbestand in Hard gekeult werden. Es ist unwahrscheinlich, dass sich der Versorgungsgrad in absehbarer Zeit dramatisch ändern wird.

Schaf- und Ziegenfleisch1,2 KilogrammPro-Kopf-Verbrauch im Jahr100 ProzentSelbstversorgungsgradEntwicklung: Schaf- und Ziegenfleisch ist ein Nischenprodukt, das an Akzeptanz gewinnt. Der Pro-Kopf-Verbrauch ist in den letzten Jahren leicht gestiegen. In Vorarlberg könnte auch mehr produziert werden. Auch wirtschaftlich bieten Schafe und Ziegen Perspektiven.

Schaf- und
Ziegenfleisch

1,2 Kilogramm

Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr

100 Prozent

Selbstversorgungsgrad

Entwicklung: Schaf- und Ziegenfleisch ist ein Nischenprodukt, das an Akzeptanz gewinnt. Der Pro-Kopf-Verbrauch ist in den letzten Jahren leicht gestiegen. In Vorarlberg könnte auch mehr produziert werden. Auch wirtschaftlich bieten Schafe und Ziegen Perspektiven.

Getreide74,7 KilogrammPro-Kopf-Verbrauch im Jahr1 ProzentSelbstversorgungsgradEntwicklung: Die Voraussetzungen für den Anbau sind aufgrund des großen Flächenbedarf schlecht. Zuletzt gab es aber Initiativen etwa im Anbau von Dinkel.

Getreide

74,7 Kilogramm

Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr

1 Prozent

Selbstversorgungsgrad

Entwicklung: Die Voraussetzungen für den Anbau sind aufgrund des großen Flächenbedarf schlecht. Zuletzt gab es aber Initiativen etwa im Anbau von Dinkel.

Kartoffeln55,7 KilogrammPro-Kopf-Verbrauch im Jahr6 ProzentSelbstversorgungsgradEntwicklung: Die Kurve des Versorgungsgrades zeigt nach oben – innerhalb eines Jahres ist der Anteil von vier auf sechs Prozent gestiegen. Steigende Nachfrage gibt es sowohl im Lebensmittelhandel als auch bei Großküchen. Im Vorjahr wurden 400 Tonnen Kartoffeln angebaut – alleine 100 Tonnen wurden von neuen Produzenten beigesteuert.

Kartoffeln

55,7 Kilogramm

Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr

6 Prozent

Selbstversorgungsgrad

Entwicklung: Die Kurve des Versorgungsgrades zeigt nach oben – innerhalb eines Jahres ist der Anteil von vier auf sechs Prozent gestiegen. Steigende Nachfrage gibt es sowohl im Lebensmittelhandel als auch bei Großküchen. Im Vorjahr wurden 400 Tonnen Kartoffeln angebaut – alleine 100 Tonnen wurden von neuen Produzenten beigesteuert.

Gemüse111,2 KilogrammPro-Kopf-Verbrauch im Jahr7 ProzentSelbstversorgungsgradEntwicklung: In Vorarlberg sind nicht alle Böden für den Gemüseanbau geeignet. Der Selbstversorgungsgrad stagniert seit Jahren bei etwas sieben Prozent. Feststellbar ist eine deutliche Steigerung des Pro-Kopf-Verbrauchs. Seit 1990 liegt die Zunahme bei über 40 Prozent.

Gemüse

111,2 Kilogramm

Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr

7 Prozent

Selbstversorgungsgrad

Entwicklung: In Vorarlberg sind nicht alle Böden für den Gemüseanbau geeignet. Der Selbstversorgungsgrad stagniert seit Jahren bei etwas sieben Prozent. Feststellbar ist eine deutliche Steigerung des Pro-Kopf-Verbrauchs. Seit 1990 liegt die Zunahme bei über 40 Prozent.

Obst78 KilogrammPro-Kopf-Verbrauch im Jahr– (minimal)SelbstversorgungsgradEntwicklung: In Vorarlberg gibt es lediglich bei Äpfeln relevante Anbaumengen. Der Selbstversorgungsgrad liegt hier bei rund vier Prozent. Allerdings droht ein Rückgang, da viele der älteren Bauern über Nachfolgeprobleme klagen und nicht gewährleistet ist, ob die Betriebe fortgeführt werden.

Obst

78 Kilogramm

Pro-Kopf-Verbrauch im Jahr

– (minimal)

Selbstversorgungsgrad

Entwicklung: In Vorarlberg gibt es lediglich bei Äpfeln relevante Anbaumengen. Der Selbstversorgungsgrad liegt hier bei rund vier Prozent. Allerdings droht ein Rückgang, da viele der älteren Bauern über Nachfolgeprobleme klagen und nicht gewährleistet ist, ob die Betriebe fortgeführt werden.