Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Der Tag wird kommen

Vorarlberg / 28.12.2016 • 18:15 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Da wollten wir uns grade auf ein paar Silberstreifen am Horizont freuen – verbesserte Wirtschaftsdaten, kleiner Rückgang der Arbeitslosigkeit, Obamas Arktis-Rettung, VdB, ein paar Pluspunkte zum Jahresausklang, und dann das – wir sind Berliner. Wieder einmal. Über Weihnachtslametta weht schwarzer Flor. Wir sind die weichen Ziele, murmelt Frau Ammann in den Emsbach, wir, die freien Gesellschaften, wir, die Demokratie.

 

Mich macht das spekulative Grinsen derer rasend, die sich von jedem islamistischen Anschlag Wählerzulauf erwarten, sagt sie, als ob die den Stein der Weisen hätten, als ob die mit dem Ansturm 2015 fertiggeworden wären. Hätten sie in die Menge schießen lassen damals? Frauen und Kinder massakriert oder nur die jungen Männer? Einen eisernen Vorhang hochgezogen? Endlose Lkw-Kolonnen an den Grenzen wären die Folge, über Jahre. Die Wirtschaft hätte ihnen schnell den Marsch geblasen, und die Stammtischmauler hätten vielleicht kapiert, dass sie sich ins eigene Fleisch schneiden.

 

Wir können die Globalisierung nicht mehr rückgängig machen, also haben wir uns ihr zu stellen. Jeder. „Der Staat ist keine Wellness-Oase.“ Und Länder, die ihr Ego-Süppchen kochen wollen, haben den Lauf der Zeit nicht begriffen. Europa funktioniert nur als Union und wir nicht ohne Europa.

 

Der giftigste Pfeil der Weltgeschichte ist und bleibt der Nationalismus, er trägt den Kriegskeim in sich, und wir sollten uns hüten vor denen, die Demokratie als Schwäche denunzieren. Figuren wie Europas aufstrebende Populisten werden unser Leben um keinen Deut sicherer machen, im Gegenteil, sie sind die Brandbeschleuniger, die mit Hetze den Aggressionspegel heben. Neuerdings nennt man’s wieder „Patriotismus“, um „zulässige Vaterlandsliebe“ zu legitimieren. Sorgen ernst nehmen ja, aber nicht jeden Schwachkopf. Wollen wir uns von Kerlen regieren lassen, die sich mit Putin ins Bett legen oder gar auf seiner Payroll stehen? Ich nicht, sagt Frau Ammann.

 

Zur Weihnachtszeit, in der die Sehnsucht nach Frieden Programm sein darf, ist die Seele des Abendlandes besonders verletzlich, das wissen die Fanatiker aller Ismen, und sie schlagen zu, wo die Herzen offen liegen. Wir sollten ihnen die Stirn bieten, so lange, bis ihnen die Luft ausgeht – auch DER Tag wird kommen, die Geschichte weiß es, Frau Ammann auch.

Wir können die Globalisierung nicht mehr rückgängig machen, also haben wir uns ihr zu stellen.

reinhold.bilgeri@vn.at
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher,
er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.