Marrakesch: Im Bann der Schalmei

Reise / 29.12.2016 • 18:31 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Auf dem Djemma el-Fna wird alles Mögliche angeboten. Foto: Shutterstock
Auf dem Djemma el-Fna wird alles Mögliche angeboten. Foto: Shutterstock

fünf Marokko-Kobras. „Die Wasserschlangen legen wir Touristen um den Hals, mit den Fotos verdienen wir unser Geld“, sagt er. „Bei den Puffottern und bei den Kobras lassen wir das lieber sein, denn sie sind sehr giftig.“ Es gebe zwar Kollegen, die den Tieren die Giftzähne oder die Giftdrüsen entfernen. „Aber ein Mensch, der seine Schlangen liebt, würde so etwas niemals tun.“ Kritiker halten die Darbietungen auf dem Platz ohnehin für Tierquälerei. Seit Jahren fordern Tierschützer Touristen auf, die Schlangenbeschwörer zu ignorieren. Doch die wenigsten tun das. „Natürlich bedeutet die Arbeit für die Schlangen Stress“, sagt Khadir. „Aber meine Familie übt diesen Job seit mehreren Generationen aus. Ohne ihn können wir nicht überleben.“ Gebissen worden ist er noch nie. Was Khadir auf seiner Schalmei spielt, ist nicht von Belangen, denn Schlangen können nicht hören. „Die Tiere bewegen sich der warmen Luft hinterher, die aus dem Instrument strömt“, sagt der Schlangenbeschwörer. „Manchmal folgen sie auch einfach nur den Bewegungen des Instruments, um den vermeintlichen Gegner jederzeit attackieren zu können.“ Was er sich für die Zukunft wünsche, frage ich Khadir zum Abschied. „Der Job macht mir Spaß, ich möchte ihn gegen nichts eintauschen.“ Er verdiene ausreichend, um seine Frau und die vier Kinder zu ernähren. Marokko sei ein friedfertiges Land ohne Extremismus. „Aber ohne Touristen, die uns besuchen, können wir nicht überleben.“

Als die Sonne hinter den Dächern versinkt, zieht der Platz die Menschen magisch an. Doch für die Schlangenbeschwörer ist es jetzt Zeit, nach Hause zu gehen. „Auch Schlangen müssen mal schlafen“, sagt Khadir. Auf dem Platz beginnt jetzt die Zeit der Essensstände, der witzigen Komödianten und Märchenerzähler. Doch das hypnotische Flöten der Schalmeien, das die Phantasie beflügelt wie nichts anderes, hallt noch eine ganze Weile nach.

Lesen Sie nächste Woche im Reiseteil: Karibikluft schnuppern in der Dominikanischen Republik.