Marrakesch: Im Bann der Schalmei

Reise / 29.12.2016 • 18:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Die Schlangenbeschwörer auf dem berühmten Platz Djemma el-Fna.

reise. (srt/Fabian von Poser) Die Sonne versinkt, der Duft der Garküchen weht über den Platz. Doch noch ist nicht Essenszeit. Denn kurz vor Sonnenuntergang schlägt auf dem Djemma el-Fna die Stunde der Schlangenbeschwörer. Jetzt, da die Touristen in Scharen über Marokkos größte Freilichtbühne schlendern, geben die mutigsten aller Schausteller ihr Bestes. Abdul Khadir, ein schlanker Mann von hohem Wuchs, schiebt seine Hand hinter den Kopf einer Kobra, greift zu, hebt das Tier aus dem Korb und legt es auf den noch warmen Asphaltboden. Dann beginnt die Show. Khadir bläst in die Schalmei. Die Schlange richtet sich auf, wippt mit dem Kopf und züngelt. Aber sie beißt nicht. Er komme aus einem Dorf 100 Kilometer nordöstlich von Marrakesch, erzählt Khadir, als sich die Schlange vor ihm aufbäumt. Schon als kleiner Junge habe er mit seinem Vater mit Schlangen gearbeitet. Mit 14 stand er das erste Mal auf dem Platz. „Mittlerweile arbeite ich seit 38 Jahren hier“, sagt Khadir. Der 52-Jährige steht morgens um sechs Uhr auf, trinkt zwei Gläser Minztee, dann bindet er die Boxen mit den Schlangen auf sein Moped und fährt zum Platz. Dort treffe er seine Kollegen. Meist seien sie zu fünft oder zu sechst. Seit Jahrhunderten wird auf dem Gauklerplatz mit Schlangen hantiert. Nirgendwo versorgt das Morgenland das Abendland so perfekt mit Klischees. Doch das über viele Generationen vererbte Spektakel, dessen Mythos bis heute für Marokko steht wie kaum ein anderer, ist in Gefahr, denn auch die Schlangenbeschwörer leiden unter der Reisezurückhaltung. Die Anschläge in Frankreich haben die Zahl der französischen Touristen rapide sinken lassen. Auch die Deutschen machen sich nach den Ereignissen der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof rar. „Natürlich merken wir das“, sagt der 52-Jährige.

Dazu kommt: Auch mit der Stadtverwaltung gibt es immer wieder Ärger. Zwar müssen Schlangenbeschwörer wie Abdul Khadir keine Miete auf dem Platz bezahlen. „Im Gegenteil: Wir erhalten von der Stadt einen Zuschuss, damit wir unseren Job ausüben können.“ Das Geld allein reiche aber längst nicht aus, um zu überleben. Bis zu zehn Stunden steht Khadir bei sengender Hitze auf dem Platz. Normalerweise dauert der Arbeitstag von zehn Uhr morgens bis Sonnenuntergang. „Manchmal aber auch ein bisschen länger“, sagt der 52-Jährige. Khadirs Arbeit ist durchaus gefährlich. Der 52-Jährige hält verschiedene Arten von Schlangen: ein halbes Dutzend Wasserschlangen, vier Puffottern und