„Ich versuche nur Ski zu fahren“

Sport / 30.12.2016 • 19:35 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Machen momentan alles richtig: Amerikas Skisstar Mikaela Shiffrin und ihr Betreuerteam. Foto: apa
Machen momentan alles richtig: Amerikas Skisstar Mikaela Shiffrin und ihr Betreuerteam. Foto: apa

Mikaela Shiffrin ist auf dem Weg zur Legende. Der US-Star nimmt sich die Herren als Vorbilder.

Semmering. Mit ihrem Technik-Triple am Zauberberg hat Mikaela Shiffrin alle verzaubert. Die Amerikanerin, die bereits mit 21 reihenweise Rekorde zerbröselt, könnte sich in einigen Jahren zur erfolgreichsten Rennläuferin der Geschichte aufgeschwungen haben. „Ihr solltet alle aufhören, mir diese Sachen zu erzählen“, will Shiffrin selbst wenig davon wissen. „Ich versuche nur Ski zu fahren.“

Anleihen bei Hirscher

Der 23. Slalom-Streich war für die Ausnahmekönnerin ein hartes Stück Arbeit. Mit einem furiosen Finale fing Shiffrin Veronika Velez-Zuzulova noch ab, die schon wie die sichere Siegerin ausgesehen hatte. „Ich habe bei jedem Tor gedacht, ich schenke es her“, sagte Shiffrin. „Es hat sich wie ein Kampf angefühlt, und ich bin stolz darauf. Manchmal ist es besser zu kämpfen, und das habe ich heute getan.“ Dabei orientierte sich das Ski-Wunder offenbar auch an berühmten Männern. „Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie Marcel Hirscher oder Henrik (Kristoffersen; Anm.) das hier fahren würden. Ich glaube nicht, dass ich dem nahegekommen bin, aber ich habe versucht, diese Energie zu kanalisieren“, gab Shiffrin zu Protokoll.

Darüber zu sprechen, dass ihre Konstanz die der besagten Kollegen noch in den Schatten stellt, kam der „magischen Mikaela“ nicht in den Sinn. Shiffrin holte auf dem Semmering den zwölften aufeinanderfolgenden Sieg in einem von ihr bestrittenen Slalom, womit sie einen neuen Rekord aufstellte. Zählt man den WM-Erfolg 2015 sowie zwei nationale Meistertitel dazu, hält Shiffrin sogar bei 15 Slalom-Siegen in Serie.

Gewinnt sie auch in Zagreb den Nachtslalom, wird nach den dann vergangenen acht Weltcup-Slaloms ihretwegen die US-Hymne abgespielt worden sein – ein derart langer Erfolgslauf gelang davor nur Vreni Schneider und Janica Kostelic. Hätte sie sich vor einem Jahr nicht am Knie verletzt und fünf Slaloms verpasst, hätte sie auch diesen Rekord möglicherweise bereits in der Tasche.

Der bisher letzte Ausfall in einem Weltcup-Slalom passierte Shiffrin übrigens vor genau vier Jahren am Semmering. Seither sah sie – inklusive WM und den Olympischen Spielen in Sotschi 2014 – bei 34 Antritten das Ziel. Mit ihren 26 Weltcup-Siegen hat Shiffrin, die am 13. März 2011 als 15-Jährige im Weltcup debütierte, nun exakt so viele wie Tina Maze. Noch ein Erfolg, und sie hätte auch Maria Höfl-Riesch eingeholt.

„Ich habe schon, als die zwölf Jahre alt war, von einem Trainer in Amerika gehört, wie die super Ski fährt“, erinnerte sich ÖSV-Sportchef Hans Pum. „Die war damals allen schon so bei Weitem überlegen. Er hat mir immer schon vorgeschwärmt, was die für eine Technik fährt, wie beständig sie ist und wie fleißig sie ist.“

Auch Shiffrins Mutter Eileen verwies auf den enormen Trainingsfleiß ihrer Tochter. „Das Verhältnis zwischen harter Arbeit und Talent ist ungefähr ausgeglichen. Man braucht auch die körperlichen Voraussetzungen dazu, und wenn man das von klein auf betreibt, wird es natürlich. Sie ist eine großartige Athletin, aber das sind die anderen Mädchen auch“, meinte die Ex-Rennläuferin auf High-School-Niveau. Sie verriet weiters, dass der Schnee und die Landschaft am Semmering den Gegebenheiten in Vermont, wo Shiffrin an der Burke Mountain Academy ausgebildet wurde, sehr ähnlich seien. Das könnte mit ein Grund gewesen sein, warum es gerade dort allen widrigen Umständen zum Trotz so gut geklappt hat.

Der Weltcup ist nahe

Falls sie gesund bleibt, wird ihr die erste große Kristallkugel im kommenden März aber kaum zu nehmen sind. Wenn Shiffrin, die zuletzt mit Magenproblemen und einer Verkühlung kämpfte, allein die ausständigen Slaloms gewinnt, käme sie beim derzeitigen Stand auf 1298 Punkte. Im Riesentorlauf werden wohl auch noch einige dazukommen. Lara Gut reichten in der vergangenen Saison ohne Weltmeisterschaft 1522 Zähler zum Kugel-Gewinn.

Manchmals ist es besser zu kämpfen, und das habe ich getan.

Mikaela Shiffrin