Wie war das eigentlich mit dem Sebastian?

Kultur / 30.12.2016 • 18:55 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Othmar Lässer mit der 2r2-Klasse des BRG Dornbirn-Schoren in der Kirche Bruder Klaus. Foto: VN/Paulitsch
Othmar Lässer mit der 2r2-Klasse des BRG Dornbirn-Schoren in der Kirche Bruder Klaus. Foto: VN/Paulitsch

Man lernt nie aus, und Wissen wird auch konkret an Glaubensorten vermittelt.

Christa Dietrich

Feldkirch. Manchem wird es bereits ähnlich ergangen sein wie dem Kunsthistoriker Rudolf Sagmeister. Als Kurator im Kunsthaus Bregenz tätig, hat er es mit Menschen verschiedener Konfessionen zu tun, auch mit jenen, die entweder gar kein ausgeprägtes Bedürfnis nach Spiritualität haben oder Kontemplation nicht mit Religiosität in Verbindung bringen. Sich in der christlichen oder katholischen Ikonographie einigermaßen zurechtzufinden, gehört für ihn in Mitteleuropa aber zur Allgemeinbildung. Bei Schülern in der Region stellt er dabei deutliche Defizite fest, sprich: Die jungen Leute sind gar nicht in der Lage, Heiligendarstellungen zuzuordnen oder Objekte zu dechiffrieren, die für die gesamte Kunst des Abendlandes, nicht nur für die sakrale, Bedeutung haben.

Kaum ein Heiliger wurde beispielsweise von Künstlern verschiedener Epochen bis herauf in die Gegenwart so oft und verschiedentlich dargestellt wie der heilige Sebastian. Leid und Schmerz ließ sich am geschundenen, von vielen Pfeilen durchbohrten Körper darstellen. Wie war das aber nun mit dem Sebastian? Um solche Fragen und viele weitere beantworten zu können, hat die Diözese Feldkirch schon seit Langem einen Lehrgang für Kirchenraumpädagogik eingerichtet. Diözesankonservator Othmar Lässer zieht bei der Erklärung meist einen Bogen von der Vergangenheit herauf in die Gegenwart. Sebastian-Darstellungen in den Kirchen sind auf Notzeiten zurückzudatieren. „Heutzutage geht es nicht mehr um die Pest, da stelle ich die Frage nach Krisensituationen in der Gegenwart, wo könnte ein Sebastian also heute notwendig sein?“ Die Bildersprache in vielen Kirchen sei aus bauhistorischen Gründen immer noch in der Theologie vergangener Jahrhunderte verhaftet, deshalb gelte es, das Bleibende in der Botschaft dieser Bildsprache zu übersetzen. „In ähnlicher Weise gilt dies auch für die Raumsprache“, erklärt der Konservator und Religionspädagoge und spricht von einer besonderen Herausforderung, die sich Vermittlern, also Stadtführern und eben auch Kirchenführern stellt: „Denn immer werden auch existenzielle Themen berührt, etwa Bedrohung und Schutz, Leid und Trost, Tod und Auferstehung, Gut und Böse.“

Sakralräume erschließen

Der Begriff „Kirchenraumpädagogik“ wirke vielleicht ein wenig sperrig, meint er im Gespräch mit den VN, doch die Pädagogik beziehe sich nicht im Besonderen auf Schüler, sondern nehme Kirchenbesucher jeden Alters in den Blick. „Im Prinzip geht es darum, fachlich fundiert und zielgruppengerecht den Besuchern einen Sakralraum in all seinen Dimensionen zu erschließen.“

Menschen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzen, sind etwa als Touristenführer tätig und wollen ihr Wissen erweitern, um es vermitteln zu können. Es handle sich bei den Interessenten aber auch um Menschen, die in verschiedenen Berufssparten tätig sind, von der Künstlerin bis zum Bautechniker, vom Lehrer bis zum Krankenpfleger.

Die Beweggründe gehen, so Lässer, über die angestrebte Tätigkeit als Führer hinaus, manchen Leuten seien einige Kirchen und Kapellen im Land einfach besonders ans Herz gewachsen und sie wollen mehr darüber erfahren, andere wollen sich im Umgang mit Menschen entsprechend schulen oder sind konkret an Theologie interessiert. Die breit gestreuten Interessen und der Erfahrungsschatz der Teilnehmer bereichere den Lehrgang sehr, theologische, historische und kunsthistorische sowie methodische Inhalte stünden in einem Gleichgewicht. Gleichzeitig habe ein Lehrgang eine gewisse Community-Bildung an Interessierten in den verschiedenen Talschaften zur Folge. Für Absolventen biete man deshalb auch Fortbildungsseminare und weiterführende Exkursionen an.

Kulturarbeit

Rund 70 Pädagogen wurden in den letzten Lehrgängen ausgebildet. Und die Erfahrung zeige, dass viele der Absolventinnen und Absolventen „ihr erworbenes Wissen tatsächlich in der Praxis anwenden und neben den Kirchenführungen an diversen Kulturvermittlungsprojekten im ganzen Land aktiv beteiligt sind.“ Das sei beispielsweise der „Tag des Denkmals“, die „Lange Nacht der Museen“ oder die „Lange Nacht der Kirchen“. „Die Menschen leisten Kulturarbeit vor Ort.“ In diesem Zusammenhang zitiert Othmar Lässer gern den evangelischen Theologieprofessor Horst Schwebel, der festhielt, dass sich viele Menschen zwar von den Lehrmeinungen der beiden christlichen Kirchen distanzieren, während sie an kirchlichen Veranstaltungen nicht mehr teilnehmen, seien die Kirchenräume jedoch von dieser Distanzierung ausgenommen: „Sowohl die Kirchentreuen als auch die der Kirche Fernerstehenden scheinen die Kirchenräume in einer beneidenswerten Selbstverständlichkeit zu akzeptieren.“

Die Pädagogik bezieht sich nicht nur auf Schüler, sondern nimmt alle Kirchenbesucher in den Blick.

Othmar Lässer

Ein neuer Lehrgang startet am
10. Februar 2017 in St. Arbogast: www.kirchenraum.at