Hoppla, Klappmäuler machen Sängern Konkurrenz

Kultur / 25.07.2017 • 22:17 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Annette Dasch mit den Schauspielern Daniel Frantisek Kamen und Sebastian Mock.Foto: Staatsoper/Hösl
Annette Dasch mit den Schauspielern Daniel Frantisek Kamen und Sebastian Mock.Foto: Staatsoper/Hösl

Eine kaum spielbare Oper trotz der Längen sympathisch hinzukriegen, das hat etwas.

Christa Dietrich

München. Das österreichische Publikum ist mit den Klappmaulpuppen von Nikolaus Habjan längst vertraut. Dienten sie ihm über Jahre dazu, im kleinen Schubert-Theater in Wien gesellschaftskritisch und politisch nicht nur eindrucksvoll, sondern auch nachhaltig aufzufahren, so erwiesen sie sich vor einigen Monaten im großen Volkstheater bei „Nathan der Weise“ auch als klassikertauglich. Zuvor war Nikolaus Habjan maßgeblich daran beteiligt, dass aus der Rekonstruktion von Otto M. Zykans beißend-satirischer „Staatsoperette“, die sich die Bregenzer Festspiele im letzten Jahr vornahmen, überhaupt etwas werden konnte. Damals war schon klar, dass sich der junge Grazer (geb. 1987) nach noch mehr Musiktheater sehnt, den Vertrag für die „Oberon“-Regie an der Bayerischen Staatsoper hatte er so gut wie in der Tasche.

Montagabend fand die zweite Aufführung im Rahmen der dortigen Festspiele im dem Bayreuther Festspielhaus nachempfundenen Prinzregententheater statt. Ein den Kommentaren nach durchaus kenntnisreiches Publikum amüsierte sich über drei Stunden lang. Wagner-Opern sind bekanntermaßen auch keine Quickies und wer von Göttern, Drachentötern und Walküren nicht genug kriegen kann, der befasst sich auch einmal mit Rittern, Prinzessinnen, Meermädchen, einem Feenkönigspaar und jenen Pucks, die Librettist James Robinson Planché direkt von Shakespeare entlehnen durfte, als Carl Maria von Weber kurz vor seinem Tod 1826 noch ein Auftragswerk ans Köngliche Opernhaus Covent Garden zu liefern hatte.

Mit den damaligen Auflagen war der Urheber nicht glücklich, doch schon knapp drei Jahre später landete das Werk in München. Aufgrund der Länge und der abstrusen Story ist „Oberon, König der Elfen“ kein Dauergast auf Spielplänen. Straffungen zu fordern, ist berechtigt, aber mittlerweile obsolet. Auch Habjan beugt sich keiner Theaterökonomie und nimmt in Kauf, dass es ganz schön dauert bis Hüon von Bordeaux mit seiner Rezia glücklich werden kann bzw. bis sich Fatime und Scherasmin in den Armen liegen.

Komödiantisch

Die Musik ist dabei nur bedingt hilfreich. Ivor Bolton verlangt vom Bayerischen Staatsorchester vibratoarme Spielart, erreicht damit viel Zupackendes und entsprechend Forsches, lässt den Zauber aber außen vor. Doch siehe da, diese Art von Mozartton, der der Weberschen Partitur nun einmal innewohnt, wirkt passend, hat sich Habjan doch auf humorvolle, klobige, zuweilen sogar koboldartige Bewegungen eingeschworen, die die Story nicht nur märchenhaft schaurig, sondern auch sympathisch aufladen. Wo man beim Strafen kein Pardon kennt, darf auch das Lieben unelegisch ablaufen. Wenn Scherasmins Beinkleider hinderlich sind, hilft nur Beherztheit. So weit, so launisch und um die Handlung einbetten zu können, sei erwähnt, dass jenes Liebesexperiment, zu dem Oberon und Titania aufrufen, hier in einem Labor spielt, was Habjan ermöglicht, einigen Protagonisten nicht nur eine Klappmaulpuppe beizustellen, sondern sie mit Drogen vollzupumpen. Manch grobes Agieren in der Holzschnitt-Kulisse ist somit dieser Idee geschuldet. Julian Prégardien (Oberon) steht an der Spitze eines Sängerensembles, das Brenden Gunnell (Hüon), Johannes Kammler (Scherasmin) und Rachael Wilson (Fatime) großartig komplettieren und in dem die Brillanz von Annette Dasch (Rezia) manche Schärfe wettmacht. Unter den komödiantisch wendigen Puppenführern entdeckt man mit Daniel Frantisek Kamen einen der hervorragenden Schauspieler des Vorarlberger Landestheaters.

Nächste Aufführung am 30. Juli, 18 Uhr im Prinzregententheater mit Live-Übertragung auf Staatsoper.TV. Weitere Aufführungen in München: www.staatsoper.de. Später im Theater an der Wien.