All´arrabiata

Politik / 26.07.2017 • 22:15 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Penne all’arrabiata“: Olivenöl, Speck, Zwiebeln, Paprika, Knoblauch und vor allem: höllisch scharfes Chilipulver und Cayennepfeffer. Diese infernalische Mixtur hat dem so typisch italienischen Teigwarengericht den Namen „all’arrabiata“, also „auf zornige Art“ eingetragen. Köstlich. Und je schärfer, desto zorniger. Zahlreiche österreichische Badeurlauber genießen in diesen heißen Sommertagen unbeschwert „Pasta all’arrabiata“ in ihrer bevorzugten Trattoria in Jesolo, Caorle oder Grado am überfüllten Adriastrand. Doch in Rom und in Bozen, der Hauptstadt der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol hat „all’arribata“ gegenwärtig eine mehr politische als kulinarische Bedeutung: Die italienischen Politiker sind „arrabiati“, sind verärgert über die österreichischen Nachbarn. Denn der Flüchtlingsstrom, unter dem die Italiener am meisten zu leiden haben, ist wohl eine Sache, der anlaufende österreichische Wahlkampf mit Jungstar Sebastian Kurz als Protagonisten eine ganz andere.

Die Website „Wir für Sebastian Kurz“ lanciert eine „Publikumsumfrage“ zur Frage „Soll der Brenner geschlossen werden“. Optionen: „Ja, unbedingt!“ oder „Nein, auf keinen Fall!“. Der eher aggressiv formulierte Text dazu: „Zigtausende Migranten warten in Italien darauf, nach Mitteleuropa weiterzukommen, NGOs drohen, die Menschen nach Österreich zu bringen. Soll Österreich sich das gefallen lassen?“ Wohlgemerkt: Hier ist nicht die Rede von verschärften Grenzkontrollen (wie an der deutschen Grenze zwischen Salzburg bzw. Tirol und Bayern) sondern geradewegs von „geschlossen“. Ernsthaft? Hier werde, sagte Kanzler Kern, „ein Notstand inszeniert, den es nicht gibt“. Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl hat auf die symbolische Bedeutung des Brenners für Österreich hingewiesen: Man habe 100 Jahre gebraucht, den Wegfall gerade dieser Grenze durchzusetzen.

Wer die Dolomiten bereist und die gewaltigen Festungen besichtigt, die vor einem Jahrhundert in den Fels gehauen und in die Gletscher gegraben wurden, wer dann vor den Schützengräben am Isonzo steht, in denen über eine Million Soldaten für lächerliche Geländegewinne ihr Leben ließen, dem wird die Errungenschaft der friedlichen Nachbarschaft zwischen Österreich und Italien drastisch vor Augen geführt. Die offene Brenner-Grenze bedeutet weit mehr als Zeitersparnis für österreichische Urlauber; sie ist eines der Friedenssymbole Europas.

Vor genau 151 Jahren errang die österreichische Kriegsmarine mit ihrer hölzernen Flotte ihren einzigen Sieg: gegen Italien mit seinen zeitgemäßen eisernen Kriegsschiffen. Admiral Wilhelm von Tegetthoff hatte die Seeschlacht bei der strategischen Insel Lissa entschieden, indem er mit seiner „Erzherzog Ferdinand Max“ kühn das italienische Flaggschiff „Re d’Italia“ mittschiffs rammte und innert Minuten mit Mann und Maus versenkte. Die dort erfolgreiche Rammtaktik kam in der Seekriegsführung dennoch bald aus der Mode; nur Sebastian Kurz scheint weiterhin darauf zu vertrauen, zumindest gegenüber Italien. „So geht es einfach nicht“, ermahnte Kern seinen Außenminister. Zu recht.

Die offene Brenner-Grenze ist eines der Friedenssymbole Europas.

charles.ritterband@vn.at
Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger
Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).