Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Der Blick aufs Meer

Vorarlberg / 26.07.2017 • 18:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Und wieder die fliegenden Piniennadeln, das glucksende Meer am Kai, die Brecher, die an Frau Ammanns Füßen lecken. Die Ingredienzien dieser Idylle sind grenzenlos und ohne Ablaufdatum, vielleicht sogar für die Einheimischen, denkt sie. Jedenfalls kann sie sich dem Zauber nie entziehen, in jedem der letzten 30 Jahre ist sie dieser Versuchung erlegen: kein Sommer ohne Santa Margherita.

Sie ist zwar schwer wegzukriegen aus dem Ländle, aber ein paar Tage Meeresluft läßt ihre konsequente Heimattreue gerade noch zu. Heute hat sie ein mannshohes Werbeplakat für Liguria entrollt, direkt auf der Sonnentreppe zum Emsbach, eine elegante Dame im Zwanzigerjahre-Look steht da, kess, mit geschlossenen Augen und schwingender Hüfte, vor der Kulisse der Riviera, versunken in sich und im Zauber der Bucht. Die würde sich auch am Emsbach gut machen, sage ich. Frau Ammann lächelt verschämt, als wäre sie als Verräterin enttarnt.

Dann beginnt sie zu erzählen. Diesmal hatte irgendwas an der Idylle gekratzt, die Vorboten aus einer andern Welt, die sich nach dem Glück Europas sehnen. An den Flaniermeilen und im Umkreis der feinen Restaurants hatten sich da und dort kleine Menschengruppen gezeigt, die hier nur selten zu sehen sind. Junge Männer aus Afrika. Lächelnde Augen, neugierige, wache Gesichter, als hätten sich stolze Massai bis an die ligurische Küste durchgeschlagen. Ich mußte an die 40.000 denken, die es nicht geschafft hatten, sagt sie, die Ungeborgenen sind namenlos im Meer versunken. Klima, Kriege und die Chancen des Westens treiben die Verzweifelten über den Globus, und auch das Paradies Europa muß sich auf Opfer einstellen.

Die Wunderwuzzis, die Afrikas Nordküste einfach „schließen“ wollen, werden sich vielleicht noch wundern: Als ob es nur EINE Mittelmeerroute gäbe, es gibt 1000 Routen und kein Gott wird sie je dichtmachen können, aber es klingt halt so beruhigend. Ich weiß nicht, ob wir den neuen Wächtern unserer Idylle glauben sollen, sagt sie.

Einen der schwarzen Burschen hatte sie fotografiert, ein Medizinstudent vielleicht oder ein Jurist im letzten Semester, dem Dschihadis die Uni unterm Hintern weggebombt haben.

Der Blick aufs Meer hinaus war jedenfalls ein anderer diesmal, als hätte die Schönheit ein Stück Makellosigkeit verloren.

Ich musste an die 40.000 denken, die es nicht geschafft haben, sagt sie.

reinhold.bilgeri@vn.at
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher,
er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.