Fantastische

Leserbriefe / 26.07.2017 • 19:45 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

„Carmen“

Es ist interessant, wie der Kultfeminismus mit der ­äußerst delikaten Frauenfigur­ „Carmen“ umgeht. Da spricht man plötzlich von Unabhängigkeit, ­femininem Selbstbewusstsein und ­sexueller Freiheit. In Wirklichkeit ist Carmen ein flatterhaftes Luder, das eine dämonische Lust dazu treibt, allen möglichen Männern den Kopf zu verdrehen, um sich dann doch dem für sie lukrativsten an den Hals zu werfen. Verdrängt wird in der offiziellen Kritik also die tatsächliche Aussage der Oper. Ein großes Lob allerdings für die Bregen­zer Festspiele und alle beteiligten Künstlern. Eine wirklich fantastische und authentische „Carmen“, die hier gezeigt wird. Und es ist wirklich wahr: Wem es das Hauptanliegen im Leben ist, sein wahres Gesicht wie ein trauriger Clown unter knalliger Schminke zu verstecken und seine halbentblößten Rundungen­ möglichst reizvoll auf Highheals zu balancieren, tut sich einigermaßen schwer, wirklich ernstgenommen und richtig verstanden zu werden. Für die arme Carmen endete dieses Spiel mit falschen ­Signalen jedenfalls tödlich.

Thomas Amann,

Wellenau, Bregenz