Orgie oder ein Massengrab

Kultur / 26.07.2017 • 22:41 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die Gastspielpremiere von „The Situation“ von Yael Ronen & Ensembles fand gestern Abend im Rahmen der Bregenzer Festspiele im Kornmarkttheater statt. Foto: Stiplovsek
Die Gastspielpremiere von „The Situation“ von Yael Ronen & Ensembles fand gestern Abend im Rahmen der Bregenzer Festspiele im Kornmarkttheater statt. Foto: Stiplovsek

„The Situation“ von Yael Ronen steht für einen Neuanfang mit Politkabarett.

Christa Dietrich

Bregenz. Das Stück ist so unverfroren pathetisch, tieftraurig, komisch, banal, witzig und tragisch zugleich, dass es fürs Erste auch erlaubt sein muss, ein Gastspiel auf die Situation der Festspiele zu beziehen. Hier, in Bregenz, hat man über mehrere Jahre auf ein Sprechtheater im Programm eines musiklastigen Festivals verzichtet. Dort, am Gorki-Theater im Zentrum von Berlin, ist seit einiger Zeit ein Team am Werk, das es schafft, mit sehr politisch aufgeladenen Stoffen auf sich aufmerksam zu machen. Man erinnert sich etwa an einen Armenien-Schwerpunkt, der über die Theaterszene hinaus Wirkung hatte.

2015 präsentierte man mit „The Situation“ von Yael Ronen & Ensemble (auf den Verweis auf das Kollektiv legt die aus Jerusalem stammende Regisseurin Wert) einen Text über den Neuanfang von jungen Menschen aus dem Nahen Osten in Berlin, der, so anekdotenhaft, aber dennoch aus dem Leben gegriffen, wie er ist, enormes Aufsehen erregte, mittlerweile etwa auch in München gezeigt wurde und nun aus zwei Gründen in Bregenz gelandet ist. Einmal überträgt „The Situation“ Themen, die in der großen Opernproduktion „Moses in Ägypten“ behandelt werden, in die Gegenwart, und außerdem soll das Gastspiel den Neuanfang des Sprechtheaters bei den Festspielen markieren.

Ein zu platter Vergleich? Wer gerade aus dem Theater kommt, hat so viel lockeren Sprachgebrauch miterlebt, dass manches möglich sein muss. Auch eine kurze Zusammenfassung einer Produktion, die schon mehrfach abgehandelt wurde. In „The Situation“ verbinden also Syrer, ein Palästinenser und eine Jüdin Deutschland bzw. die Hauptstadt Berlin mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, mit friedvoller Koexistenz. Schauplatz ist ein Sprachkurs, den ein junger Mann führt, von dem wir erfahren, dass er selbst als Kind aus Kasachstan nach Deutschland kam, sich über Kommunikationsfähigkeit integriert hatte.

Exzellent

Was an Vorurteilen, Vorbehalten, Sehnsüchten, Traumatisierungen mitgenommen wurde, erfahren wir nach und nach in einem wilden Schein- und Sein-Spiel (mit einem exzellenten Dimitrij Schaad als Lehrer), das in einigen Szenen zu biederem Politkabarett verkommt, dann aber wieder – wenn etwa der Ex-Kasache vom Vater und seiner Angst vor Behörden spricht, ungemein wahrhaftig präsentiert wird. Gut, „The Situation“ lässt sich weder ein- noch zuordnen. Orgie oder Massengrab? Die Jüdin entwirft einmal diese Bilder. Hoffnungsschimmer oder Düsternis? Man hält sich während des stürmischen Applauses gern an Ersterem fest.

Weitere Aufführung des Stücks „The Situation“ im Rahmen der Bregenzer Festspiele am 27. Juli, 19.30 Uhr, im Kornmarkttheater.