Der mit seiner Geige innig weint

Kultur / 27.07.2017 • 19:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Pawel Zalejski, Konzertmeister des SOV und Primarius des Apollon Musagète Quartetts, mit dem Pianisten Matan Porat im KUB. Foto: BF/Köhler
Pawel Zalejski, Konzertmeister des SOV und Primarius des Apollon Musagète Quartetts, mit dem Pianisten Matan Porat im KUB. Foto: BF/Köhler

Der Pole Pawel Zalejski offenbarte tiefe Bindungen zur eigenen Vergangenheit.

BREGENZ. (JU) Nun hat er wohl auch die letzten Zweifler überzeugt: Der Pole Pawel Zalejski (37), Konzertmeister des SOV und Primarius des Apollon Musagète Quartetts, wurde jüngst im KUB von einer großen Zuhörerschar als außergewöhnliche Geigerpersönlichkeit gefeiert. In einem Konzert der Festspiele schlug er zusammen mit dem israelischen Pianisten Matan Porat mit Werken jüdischer Komponisten und einem eigenen leidenschaftlichen Beitrag einen weiteren Bogen zur Thematik der heurigen Hausoper „Moses in Ägypten“.

„Die Passagierin“

Die Violine ist wie kein anderes Instrument mit der jüdischen Kultur verbunden. Daraus ergab sich in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts immer wieder Musik später verfemter Komponisten, die stark von der Mentalität dieses Volkes geprägt ist wie etwa Ernst Blochs „Drei chassidische Stimmungen“ mit ihren Anklängen an wehmütig traditionelle Klezmer-Melodien, wie sie Zalejski am Beginn mit blühendem Ton vorstellt. In der „Hebräischen Melodie“ von Joseph Achron wechseln einander Violine und Klavier in der Führungsrolle ab, in Joel Engels Tanz „Freilechs“ kommt es erstmals zu einem virtuosen Konzertieren auf höchstem gestalterischen Niveau. Wie einem alten Freund begegnet man dem Komponisten Mieczyslaw Weinberg, der durch seine Oper „Die Passagierin“ von 2010 heute bei den Festspielen so etwas wie einen Ehrenplatz einnimmt. Matan Porat spielt die Nummer eins aus dessen „Kinderheften“, kurze Abschnitte für Klavier in verschiedenen Stimmungen, von fröhlicher Bewegung bis zu bedrohlichen Akkordballungen. Mit Weinbergs Sonate Nr. 5 für Violine und Klavier bildet ein Stück kompakter Kammermusik in seiner typisch dualen, etwas an Schostakowitsch erinnernden Tonsprache den imposanten Abschluss. Auch hier finden sich in der deutlich ausgeprägten Melodik Anklänge an jüdische Folklore. Die beiden Interpreten sind im strengen kompositorischen Satz wunderbar aufeinander eingespielt und erreichen eine intensive Wiedergabe.

Uraufführung

Dazwischen gibt eine Uraufführung von Pawel Zalejski für Violine solo dem Abend eine besondere künstlerische und emotionale Dimension. Er hat sein eigens für diesen Anlass komponiertes Werk „Nigun“ („Melodie“) der von den Nazis ausgelöschten jüdischen Gemeinde seiner polnischen Heimatstadt Bromberg gewidmet (die VN berichteten) und damit ein Stück eigener Vergangenheit aufgearbeitet. Es beginnt mit langen Trillern über fahlen, leeren Quinten und einem Bordun-Grundton: Da weint einer mit der Geige um seine Mitbürger. Das mündet in einen rasenden Tanz mit grifftechnisch abenteuerlichen Akkordzerlegungen. Ein Tango bringt vorübergehend Beruhigung, bis sich der Schmerz über dieses Ereignis in einem rasenden Finale von unglaublicher Energie und Stringenz Luft verschafft. Man spürt: Der am Schluss völlig verausgabte Musiker hat damit ein Stück seines Innersten preisgegeben. Die Zuhörer springen vor Ergriffenheit und Begeisterung spontan auf zu Standing Ovations.

Ein denkwürdiger Abend, den man sich bei allem Respekt vor dem Kunsthaus doch an einem anderen Ort gewünscht hätte, auch wenn Direktor Thomas D. Trummer die gut funktionierende Kooperation mit den Festspielen beschwor. Denn die Akustik der Eingangshalle ist für Kammermusik völlig ungeeignet, bläht den Ton im Riesenhall zu ungebührlicher Größe auf, wo viel mehr Intimität am Platz gewesen wäre.

Festspiel-Matinee des Symphonieorchesters Vorarlberg unter Gérard Korsen, 20. August, 11 Uhr, Festspielhaus,Solisten: Pawel Zalejski und Piotr Szumiel