„Natur braucht Hausordnung“

Vorarlberg / 27.07.2017 • 19:39 Uhr / 7 Minuten Lesezeit

Hubert Schatz appelliert an die Naturnutzer, Kompromisse im Sinne aller einzugehen.

Schwarzach. Der Wildbiologe ist überzeugt davon, dass der Wolf auch in Vorarlberg bald wieder von sich reden machen wird. Der Biber werde bald mit den Menschen in Konflikt geraten.

Herr Schatz, wie gut bzw. schlecht stellt sich unser Land aus der Sicht des Wildbiologen dar?

Schatz: Ich glaube, dass wir uns grundsätzlich in einer nicht so schlechten Situation befinden. Es gibt natürlich Probleme im Spannungsfeld von Nutzungsinteressen von Mensch und Wildtieren. Aber es wird vieles aufgebauscht und reduziert sich dann zum großen Teil auf zwischenmenschliche Differenzen verschiedener Interessenvertreter.

Wo sehen Sie die großen Herausforderungen für Mensch, Tier und Natur in der Zukunft?

Schatz: Wir werden in Zukunft eine klare Hausordnung für den Umgang mit der Natur benötigen. Die Nutzungsinteressen der Menschen haben sich nämlich eindeutig ausgeweitet. Es kann ja nicht sein, dass man irgendwo auf einem Berg einfach einen Klettersteig errichtet, ohne die möglichen Folgen für Wildtiere zu bedenken. Wir erleben auch, ein anderes Beispiel, dass durch Mountain-E-Bikes viel mehr Menschen in Regionen gelangen, in die vorher nur wenige vorstießen. Die bleiben dort dann auch länger und stören Wildtiere. Es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass ich nicht zu jeder Zeit in der Natur machen kann, was ich will. Wenn ich am Feierabend noch schnell mit dem E-Bike in ungestörte Regionen vordringe, ohne zu berücksichtigen, dass ich dort vielleicht störend wirke, dann wird das zum Problem.

Stichwort Interessenausgleich: Sie sind zum Leiter der Arbeitsgruppe Wald-Wild ernannt worden. Jäger und Waldfreunde sind sich in vielem nicht grün. Wie wollen Sie da Gegensätze aufweichen?

Schatz: Es wird in Zukunft darum gehen, Lebensraumsicherheit für die Zukunft durchzusetzen. Wo sind die Wild-Lebensräume, wo die Wälder zu schützen? Das wird wie so oft nur auf dem Weg des Kompromisses gehen. Zu Kompromissen werden alle bereit sein müssen.

Es gibt Jäger, die behaupten, die behördlich angeordneten Abschüsse seien viel zu hoch. Diese würden von Leuten angesetzt, die keine Ahnung haben.

Schatz: Die geforderten Abschüsse sind in vielen Gebieten eine große Herausforderung. Das Wild reagiert ja auf diesen Jagddruck und verhält sich entsprechend vorsichtig. Ich bin auch der Meinung, dass die geforderte Abschussquote in bestimmten Regionen zu hoch ist, in anderen jedoch nicht. Und es wird noch eine Weile hohe Abschussquoten geben. Aber auf lange Sicht werden diese nicht zu halten sein.

Waldschützer fordern noch härtere Maßnahmen gegen Wildverbiss.

Schatz: Es wird immer Waldbereiche geben, die man vor Wild schützen muss. Dort, wo der Wald selbst Objekte schützt, darf er nicht von Wild geschädigt werden. Allerdings: Um Wild in gutstrukturierter Dichte zu erhalten, müssen wir es in abgelegenen Waldbereichen, denen keine ausgeprägte Schutzfunktion zukommt, auch in größerer Zahl leben lassen. Es muss insgesamt ein harmonisches Verhältnis zwischen dem Schutz des Waldes und dem Schutz des Wildes hergestellt werden.

Vielen bereitet das massive Eschensterben Sorgen. Ihnen auch?

Schatz: Natürlich ist das kein erfreuliches Phänomen. Aber es löst keine Katastrophe in unserer Natur aus. Eschen befinden sich eher in tieferen Lagen, haben also keine ­vitale Schutzfunktion. Es wird auch möglich sein, sie durch andere Baumarten zu ersetzen. Darüber hinaus hoffe ich, dass die Art zu retten ist.

Der Biber ist da. Man sieht es. Er hat schon Landschaften umgestaltet und zahlreiche Bäume gefällt. Wird der Mensch da bald eingreifen müssen?

Schatz: Ich befürchte, das wird bald ein Thema werden. Wir leben nun einmal in einer Kulturlandschaft, wo sich kein Tier mehr ungestört in einer solchen Art und Weise entfalten kann, wie das der Biber tut. Er ist ein großartiger Baumeister und Landschaftsgestalter, aber er kommt den Menschen in die Quere. Ich befürchte, dass es zu Bestandsregulierungen kommen wird.

Und was ist mit dem Wolf? Der scheint bei uns ja wie vom Erdboden verschluckt.

Schatz: Ich muss zugeben, dass mich das total überrascht. Die Wolf-Population nimmt nämlich rund
um uns zu. Im Calanda-
Gebiet in Graubünden
kamen unlängst gerade wieder acht Junge auf die Welt. Ähnliches passiert in Norditalien und in Deutschland. Ich glaube, dass wir derzeit nur eine Verschnaufpause haben. Der Wolf wird bald auch bei uns wiederkommen. Davon bin ich überzeugt.

Es scheint, als würden sich in unserem beengten Lebensraum schnell Fehlentwicklungen ergeben. Überpopulation von Kormoranen, plötzlich auftauchende Wildschweine, Biber und so weiter.

Schatz: Also das sind keine Fehlentwicklungen. Das sehen wir Menschen so. Wir Menschen sind es ja auch, die die Zukunft dieser Tiere bestimmen. Es zeigt sich aber auch: Die Tiere sind stark, sie kehren als Arten zurück und versuchen, sich in unseren Lebensräumen durchzusetzen.

Wie gut finden Sie es, wenn Kompetenzen für Forst und Jagd mehr zentral im Land gebündelt werden?

Schatz: Das sind politische Dinge, in die ich mich nicht einmischen möchte. Wichtig ist, dass die richtigen Dinge passieren, unabhängig von der Verwaltungsform.

Wir Menschen bestimmen die Zukunft der Tiere.

Hubert Schatz

Hubert Schatz

Hubert Schatz (52) ist gebürtiger Kärntner. Er studierte Forstwirtschaft an der Universität für Bodenkultur in Wien. 1993 bewarb sich Schatz für die erstmals ausgeschriebene Stelle eines Wildbiologen im Land Vorarlberg und setzte sich dabei gegen die Mitbewerber durch. Hubert Schatz ist verheiratet und hat drei Kinder. Seinen Wohnsitz hat er in Schoppernau.