Das Wesentliche aufgespürt

Kultur / 28.07.2017 • 19:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
„O Sentimental Machine“, Fünfkanal-Videoinstallation aus dem Jahr 2015, beauftragt von Carolyn Christov-Bakargiev für Istanbul.

Es wurde ohnehin Zeit, dem Künstler William Kentridge in Österreich so viel Raum einzuräumen.

Salzburg. (VN-cd) Documenta- und Biennale-Geher sind mit der Arbeit des Südafrikaners William Kentridge (geb. 1955 in Johannesburg) längst vertraut, mit seinen nicht übersehbaren narrativen Installationen ist er mitunter sogar Fix- und Angelpunkt solcher Großausstellungen. Nachdem ihm die Salzburger Festspiele die Inszenierung von Alban Bergs Oper „Wozzeck“ anvertraut haben, deren Premiere in einer guten Woche stattfindet, war es naheliegend, dem Kosmos bzw. den zeichnerischen und Multimedia-Arbeiten des Künstlers im Museum der Moderne auf dem Mönchsberg und im Rupertinum gebührenden Raum einzurichten. Trotz des Inszenierungsstresses plauderte er am gestrigen Vormittag vor Medienvertretern entspannt mit Museumschefin Sabine Breitwieser über die Stadt Salzburg und ihren „Sound-of-Music“-Touch, der offenbar stärker wahrnehmbar ist als das barocke oder gar das Mozart-Flair. Auch die Spuren des Nazi-Terrors seien noch präsent, bemerkte der Südafrikaner und weckte damit unerfüllte Begehrlichkeiten.

Gerne hätte man vom Künstler, der in seiner Arbeit immer wieder die Apartheit oder auch die Sowjet-Demagogen thematisiert, ein Werk gesehen, mit dem er seine Wahrnehmung von Salzburg behandelt. Nichts damit, die neuen Arbeiten beziehen sich auf die Auseinandersetzung mit dem Opernstoff und haben im Rupertinum, wo er mit seinen typischen scherenschnittartigen Figuren ganze Wände überzieht und ein Studio eingerichtet hat, zwar auch dekorativen Charakter, der geistige Überbau, die Vielschichtigkeit bleibt aber vorhanden.

Bissiger Kommentator

Abgesehen von „The Refusal of Time“, einer seit der letzten Documenta adaptierten, viele Meter langen Video- und Theaterarbeit, die inmitten fast idyllischer Szenen revolutionäre Auf- und Ausbrüche aufzeigt, drängt sich „O Sentimental Machine“ fast bzw. absolut zurecht ins Zentrum der Schau. Gefesselt von einer Wunderkammeratmosphäre, die die in biedere Interieurs eingebetteten Filme in Schwarzweiß ausstrahlen, wird man mit Leo Trotzkis Aussage, dass Menschen sentimentale, aber programmierbare Maschinen seien, konfrontiert. Mit Menschen, deren Köpfe von Megafonen ersetzt sind, mit Schreibmaschinen, Kameras und weiteren Geräten, die den Fortschritt beschleunigten, variiert und konterkariert Kentridge die vielschichtige Thematik und bleibt im Wesentlichen ein bissiger, billige Pontierung umgehender, nicht leicht fassbarer Kommentator des Zeitgeschehens an der Schnittstelle zwischen bildender und darstellender Kunst.

„Right Into Her Arms“, Miniaturtheatermodell mit Bildprojektionen von William Kentridge, 2016. Fotos: Museum der Moderne
„Right Into Her Arms“, Miniaturtheatermodell mit Bildprojektionen von William Kentridge, 2016. Fotos: Museum der Moderne

Ausstellung im Museum am Mönchsberg und im Rupertinum in Salzburg ab heute bis 11. November.