Die Frage ist, wie viel Gnade man aufbringen will

Kultur / 28.07.2017 • 19:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Golda Schultz als Vitellia in „La clemenza di Tito“ in der Salzburger Felsenreitschule. Foto: APA
Golda Schultz als Vitellia in „La clemenza di Tito“ in der Salzburger Felsenreitschule. Foto: APA

„La clemenza di Tito“ steht drauf, drin ist mehr. Das kann zusagen, muss es aber nicht.

Christa Dietrich

Salzburg. Der Jubel war groß nach der ersten Opernpremiere der Salzburger Festspiele und im Pulk von Peter-Sellars-Fans war Empörung angesichts einiger Buh-Rufer auszumachen, die es nicht goutierten, dass der amerikanische Regiestar Mozarts Spätwerk, das als Auftrag für eine Kaiser-Huldigung schon bei der Uraufführung 1791 aus der Zeit gefallen war, mit einem Subtext auflud, der nicht nur Mozarts Freimaurertum und die Aufklärung sichtbar machen sollte, sondern auch eine zeitgemäß-humane Regierungsauffassung à la Nelson Mandela. Wenn beim Anschlag auf den Herrscher auch noch gegenwärtige Terrorakte samt Sprengstoffgürtel für den radikalisierten Sesto sowie weggesperrte Flüchtlinge und Gedenklichter, mit denen das Volk Empathie bekundet, auf die Bühne kommen, passiert zwar keine banale Aktualisierung, es macht sich aber auch Pathos in der Felsenreitschule breit. Und zwar dort, wo der Chor archaisch gestikuliert und die Opernpartitur zwar von einigen Rezitativen befreit wurde, die wahrscheinlich ohnehin nicht von Mozart stammen, dafür aber mit Teilen aus der c-moll-Messe bestückt ist.

Konzept ist aufgegangen

Möglich wird ein derartiges „Titus“-Projekt vor allem durch Teodor Currentzis, jenen griechisch-russischen Maestro, der in Bregenz etwa die erfolgreiche Wiederentdeckung von Weinbergs „Die Passagierin“ mitverantwortete und in Salzburg nun sein Instrumental- und Vokal­ensemble musicAeterna of Perm dabei hat, das ihm den Mozart bietet, den er nach spirtueller Auseinandersetzung mit der Partitur hörbar machen will. Und zwar mit einer Tempobehandlung, die im wahrsten Sinne des Wortes bis zur Zerreißprobe reicht und mit einer Farbskala von ganz düster bis gleißend hell. Die Gefahr des Plakativen braucht er nicht zu fürchten, seine Musiker spielen nicht nur historisch informiert, sie atmen mit dem Dirigenten und liegen wie im Fall eines Oboisten auch als Duettpartner von Marianne Crebassa auf der Bühne, der als faszinierender Sesto der Hauptpart zukommt. Mit dem Engagement der weiteren brillanten Solisten (Golda Schultz als Vitellia, Russell Thomas als Tito, Christina Gansch als Servilia und Jeanine de Bique als Annio) dürfte man ganz dem von Currentzis und Sellars geforderten Klangbild entsprochen haben, Bühnenbildner George Tsypin setzt mit Lichtstelen und Mauerfragmenten gute Akzente. Die Frage ist nur, wie viel Gnade man angesichts einer stark vom Original abweichenden „Clemenza“-Deutung aufbringt, auch wenn das Konzept aufgeht.

Nächste Aufführung am 30. Juli, weitere bis 21. August, später in Amsterdam und Berlin. TV-Ausstrahlung am 4. August in ORF 2 und 19. August in 3sat.