Walter Fink

Kommentar

Walter Fink

Eine Rede, die zu denken gibt

Kultur / 28.07.2017 • 19:23 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Bei der Bregenzer Festspielen hat man mit einer Tradition gebrochen, bevor sie wirklich zur Tradition geworden war: mit der Festrede bei der Eröffnung. Wir erinnern uns noch manch besonderer Stunde, die uns Alfred Wopmann mit seinen Festrednern, die immer auch das Schwerpunktthema der Festspiele behandelten, bescherte. Doch nach seiner Zeit war damit bald Schluss. Nun sind wir seit Jahrzehnten wieder beim gewohnten Redner-Ablauf: Zuerst der Festspielpräsident, dann der Kulturminister oder die Ministerin und schlussendlich die Eröffnung durch den Bundespräsidenten. Heuer hatten wir mit den Rednern Glück, sie waren aktuell, kritisch und interessant. Das war aber auch schon anders, schlechter, oft langweilig.

Mit leichtem Neid darf man da nach Salzburg blicken, dort hat die Festrede zu den Festspielen tatsächlich Tradition. Oft sind es Dichter, Philosophen oder Künstler, die man da zu Wort kommen lässt. Illustre Namen findet man in dieser Liste, einmal war Eugène Ionesco zu Gast, ebenso Carl Zuckmayer, der große Theatermann Giorgio Strehler war in Salzburg, auch der bedeutende österreichische Architekt Clemens Holzmeister, in jüngerer Zeit Daniel Kehlmann oder Rüdiger Safranski. Am Donnerstag war es einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwart, der nicht nur Schriftsteller und Dramatiker, sondern auch Strafverteidiger ist: Ferdinand von Schirach. Von ihm stammt auch das vor zwei Jahren uraufgeführte Stück „Terror“, in dem das Publikum über die Schuld eines Angeklagten zu entscheiden hat.

In Salzburg griff er diese Frage auf: Hat das Volk, hat die Mehrheit immer recht? Von Schirachs Antwort ist klar: Nein! Den Beweis erbringt er nicht nur in mehreren historischen Beispielen, auch in unserer jüngeren Geschichte. Im Rückblick erkenne man, dass der Volkswille oft „für das Falsche, Dunkle, Furchtbare“ entschieden habe, auch bei politischen Wahlen. Aber gerade heute, in Zeiten der neuen, schnellen und auch ungerechten Medien, sei solcher „Volkswille“ gefährlich, vor allem nicht gerecht.

Es war eine der Zeit entsprechende Rede, die Ferdinand von Schirach in Salzburg gehalten hat, eine, die über den aktuellen Anlass hinaus zu denken gibt. Vielleicht auch den Verantwortlichen bei den Bregenzer Festspielen, die dadurch erneut über Festredner auch am Bodensee nachdenken könnten. Gute und gescheite Redner gibt es ja ausreichend, wie wir in Salzburg sehen. 

Gute und gescheite Redner gibt es ja ausreichend, wie wir in Salzburg sehen.

walter.fink@vn.at
Walter Fink ist pensionierter Kulturchef des ORF Vorarlberg.