Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Die Tote im Wasser

Vorarlberg / 30.07.2017 • 18:20 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Das Bild wird mir noch lange nicht aus dem Kopf gehen. Eigentlich sind es zwei Bilder. Doch wann hat mich zum letzten Mal eine Opernaufführung so verstört? Ich weiß es nicht.

Es ist schon ein paar Tage her, seit der „Carmen“-Premiere der Bregenzer Festspiele und ich sehe die Schlussszene immer noch vor mir.

Wie Alexander Kluge einmal lakonisch festgestellt hat, wird in der Oper im fünften Akt eine Frau geopfert. Meistens geht es dabei um die Macht des Schicksals, die Idee, dass wir Menschen letztlich höheren Mächten, die über uns entscheiden, ausgeliefert sind. Auch in „Carmen“ geht es darum, in diesem Drama um einen Mann, der von seinem Verlangen nach dem Besitz eines anderen Menschen angetrieben, am Ende zum Mörder wird – und es „Liebe“ nennt. Der also das, was er besitzen will, nur besitzen kann, indem er es zerstört. Und erst recht in diesem Drama einer Frau, die mit der Gier nach Besitz, der die Männer umtreibt, ihr gefährliches Spiel spielt, und das Schicksal herausfordert. Am Ende steht, wie gewöhnlich, der „tragische“ Tod. Das, was kommen musste. Katharsis und Erschütterung, die meistens schnell vorbeigeht.

Diesmal war das anders. Wenn die Macht des Schicksals Josés Messer führt, es den Mörder für einen furchtbaren Augenblick überwältigt und sein Opfer fordert, dann könnte sich José heute womöglich auf Affekt und damit auf Totschlag herausreden. Doch der Bregenzer José macht etwas anderes, er ertränkt „seine“ Carmen im Bodensee. Dazu braucht es eine Menge freien Willen. Denn sein Opfer zappelt lange. In Wirklichkeit würde es noch länger dauern und noch sehr viel mehr Kraft brauchen. So sehr Carmen auch das Schicksal herausfordert – von den Karten, die sie sich legen lässt bis zu der Aussprache mit José, vor der ihr doch jeder (auf der Bühne und im Zuschauerrund) mit allem Ernst abrät –, so wenig möchte sie sterben. Sie, die doch vor allem von der Intensität eines Lebens in Freiheit träumt und damit die Ordnung des Besitzes infrage stellt.

Mit dem Totstechen ist schon der Torero beschäftigt, der eitle Fatzke, für den auch Carmen nur eine Ware ist, die er einkauft. Etwas ratlos schaut Carmen auf die Scheine, die Escamillo ihr zusteckt. Doch etwas zu kaufen, das genügt José nicht. Sein sentimentales Gehabe, seine Treue zu Mutter, Tod und Vaterland, fordern bedingungslosen Besitz. Er ist kein Totschläger im Affekt, er ist ein Mörder, der das Ganze will.

War das sprachlos machende Schlussbild mit der toten Carmen im Bodensee nur ein bloßer Effekt? Ich glaube das nicht. Bregenz hat nicht nur „Carmen“, es hat die Oper und unser Bild von der Welt vom Kopf auf die Füße gestellt. Wir mögen vom Schicksal reden, meistens um uns vor unserer Verantwortung zu drücken, aber am Ende sind es doch wir, es ist unser Handeln, das darüber entscheidet, wer über Wasser bleibt und wer untergeht. Und das zweite Bild? Auch das Schlussbild von Moses in Ägypten zeigt uns die Köpfe (von Puppen) die darum kämpfen, nicht unterzugehen. Flüchtlinge im Meer eines Mythos. Der Mythos lässt am Ende einen Gott, der die Gebete erhört, die Flüchtlinge retten. Auch diese Arbeit nimmt uns heute keiner ab.

In Wirklichkeit würde es noch länger dauern.

hanno.loewy@vn.at
Hanno Loewy ist Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems.