Wagners wonnige „Walküre“

Kultur / 30.07.2017 • 19:35 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan mit den Solisten Andreas Schager, Martina Serafin und Kwangchul Youn im Bregenzer Festspielhaus. Foto: BF/Mathis
Wiener Symphoniker unter Philippe Jordan mit den Solisten Andreas Schager, Martina Serafin und Kwangchul Youn im Bregenzer Festspielhaus. Foto: BF/Mathis

Den Festspielen gelang mit dem konzertanten ersten Aufzug ein Triumph.

BREGENZ. Die gestrige Wagner-Matinee der Wiener Symphoniker im Festspielhaus wird wohl als Konzertereignis dieses Festspielsommers hängen bleiben, vielleicht sogar im Rang eines Meilensteins in die Geschichte unseres Festivals eingehen. Die konzertante Version des ersten Aufzugs von Wagners „Walküre“ aus seinem „Ring“ bot in höchstrangiger Sänger- und Orchesterbesetzung einen überwältigenden Eindruck. Das Wagnis dieser mutigen Programmierung ist aufgegangen und hat am Schluss im vollen Haus einen zehnminütigen Begeisterungstaumel von kaum einmal erlebten Dimensionen ausgelöst, und alle Befürchtungen, Wagner sei womöglich eine am Vormittag unbekömmliche Musik, glatt ad absurdum geführt.

Im Zentrum dieses Vormittags steht der Schweizer Dirigent Philippe Jordan (42). Er wurde eben noch am Dienstag für sein Dirigat der Eröffnungspremiere der „Meistersinger“ im Wagner-Mekka Bayreuth gefeiert und hat zuvor an großen Häusern Wagner-Opern und in Paris den „Ring“ geleitet. Als Symphoniker-Chef seit 2014 hatte er die Idee, sein Orchester auf diese Weise zu neuen Ufern zu führen. Die Oper an sich und speziell Wagner gehören ja noch immer zu den Ausnahmen im Repertoire dieses ausgewiesenen Konzertorchesters. Jordan hat nun das Gegenteil bewiesen und aus den Symphonikern ein Wagner-Orchester von ganz großer Klasse geformt, wie man es sich für eine solch exponierte Aufführung nur wünschen konnte.

Wie ein Musikregisseur

Das zeigt sich bereits im populären 20-minütigen „Siegfried-Idyll“ als einer Art Ouvertüre. Es ist ein Lehrstück für Wagners unendliche Melodie, die sich wie von selbst bis ins Unendliche weiterentwickelt. Jordan belässt ihm seine Idylle, nimmt das sehr ruhig. In einer reduzierten Besetzung finden die Musiker hier zu einem sagenhaften Streicherpiano und wunderbar ausgehörten Akkorden der Holzbläser. Wie immer bei Wagner deutet Jordan die Musik und die gesamte Dramaturgie über den Text. Damit erschließen sich ihm alle wichtigen Details so, wie sie der Komponist gewollt hat, bis hin zur Instrumentierung und Farbgebung. So dirigiert Jordan nicht bloß, er inszeniert die folgende „Walküre“ vom Pult aus wie ein meisterhafter Musikregisseur nach dramaturgischen Gesichtspunkten und mit ordentlich Zunder. Das furchtbare Gewitter zu Beginn ist nur äußeres Zeichen für einen Sturm der Gefühle, der alle Beteiligten mitreißt und dieses Drei-Personen-Kammerspiel zum packend dichten psychologischen Seelendrama macht. Immerhin geht es bei der Liebe der beiden Geschwister Siegmund und Sieglinde um Inzest und damit schon zu Wagners Zeiten um einen ungeheuren Tabubruch. Gerade darum wohl hat der Komponist ins Finale dieses Aufzugs mit der Vereinigung der beiden alle melodiöse Kraft, alle Instrumentationskunst eingebracht und daraus einen der stärksten Momente des gesamten „Rings“ geschaffen.

Zum Niederknien

Die Symphoniker haben dafür besetzungsmäßig aufgerüstet, mit Riesen-Blech samt Wagnertuben, mit zwei Paukisten, drei Harfen und einem Wald von Streichern. Wenn Jordan da in die Vollen greift, ergibt das schon ein ganz schönes Volumen an Klangkraft, und jeder mittlere Sänger hätte hier sofort w. o. gegeben. Nicht so bei der als sensationell zu bezeichnenden Verpflichtung vor allem der beiden Hauptpartien. Der Österreicher Alfred Schager, als gefragter Heldentenor von sinnlicher Schönheit und grenzenloser Höhensicherheit derzeit als „Parsifal“ in Bayreuth umjubelt, ist ein sehr überzeugender Siegmund. In seinem Timbre erinnert er an Wolfgang Windgassen, beeindruckt durch unglaubliches Volumen seiner Stimme und durch ausgefeilte Technik. Glanzvoll und imposant seine Parade-Arie „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ als leidenschaftliche Liebeserklärung an Sieglinde, die in der Wienerin Martina Serafin eine Entsprechung im Bilderbuchformat gefunden hat. Eine edle, große Bühnengestalt mit einer Stimme zum Niederknien, weich im Lyrischen, aber auch zu kontrolliert dramatischen Ausbrüchen fähig. Der koreanische Bass Kwangchul Youn als Hunding entspricht durchaus den Vorstellungen.

Präsent und verständlich sind sie alle drei, dazu gibt es den gesamten Text im Programm abgedruckt und für Wagner-Kenner die berühmten Leitmotive, dank derer sich die Handlung wie von selbst erschließt. Diese konzertante Fassung, in der das Liebespaar mit kleinen Gesten und Blicken seine Gefühle geschmackvoll andeutet, ohne je zu übertreiben, ist wohltuend.

3. Festspiel-Orchesterkonzert der Wiener Symphoniker: 7. August, 19.30 Uhr, Festspielhaus – Solist: Dimitris Desyllas, Schlagzeug, Dirigent: Constantinos Carydis (Werke von Guiraud, Borboudakis, Berlioz)