Gleich kommt das „Vögelchen“

Kultur / 01.02.2018 • 20:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Serie „Präsenz“ von Sabine Groschup spielt mit den Möglichkeiten des Zur-Schaustellens und des Verbergens im Bild.
Die Serie „Präsenz“ von Sabine Groschup spielt mit den Möglichkeiten des Zur-Schaustellens und des Verbergens im Bild.

In der Galerie Lisi Hämmerle geht es derzeit ums Fotografieren.

Bregenz Quizfrage: Wie viele Selfies – also Selbstporträts – werden wohl tagtäglich gemacht? Achtung: Es sind eine Million. Junge Frauen porträtieren sich im Durchschnitt schon morgens rund 17 Mal. Da geht es dann auch darum, ob die Frisur auch hip genug ist und das Outfit mit dem Hintergrund harmoniert. Man könnte also durchaus behaupten, dass es bei den „Selfies“ nicht ganz beiläufig darum geht, sich selbst in Szene zu setzen. Und genau das machen auch die beiden Künstler, deren Arbeiten derzeit in der Bregenzer Galerie Lisi Hämmerle zu sehen sind.

„Two sophisticated austrian artists in self-portraits“ lautet der Titel der Ausstellung, der eigentlich auch schon alles sagt. Es geht um das Selbstporträt – und ins Bild setzen sich dabei die beiden Tiroler Künstler Sabine Groschup und Paul Albert Leitner. Kuratiert von Georg Weckerth ist so eine Zusammenschau entstanden, die sich dem Thema – dem Selbstporträt – von zwei Positionen aus annähert, die auf den ersten Blick entgegengesetzter nicht sein könnten. Während Sabine Groschup (geboren 1959) mit Handy und Digitalkamera unterwegs ist, setzt Paul Albert Leitner (geboren 1957) ganz auf die „alte Schule“ der Fotografie. Will heißen, dass Paul Albert Leitner seine Fotografien erstens analog und zweitens bis ins Detail durchkomponiert umsetzt.

1000 Selbstporträts

Sabine Groschups Arbeiten hingegen leben schnell. Bestes Beispiel ist hier ihre Videoarbeit „Unterwegs“ und die daraus ausgekoppelten Fotografien, die Groschup zu eigenständigen Arbeiten gruppiert. Die Digitalkamera immer mit dabei, entstanden im Laufe eines Jahres mehr als 1000 Selbstporträts – auf der Straße, im Vorbeigehen, vor dem Supermarkt. Durchgängig von seitlich-oben aufgenommen, wie es sich für ein Selfie eben so gehört, versammelt Sabine Groschup die Einzelaufnahmen zu einer Art modernem Daumenkino. Und gerade dadurch, also durch die Animation der einzelnen Bilder, kommt das Tempo ins Spiel. Geradezu durch die Bilder zu laufen scheint die Künstlerin.

Im krassen Gegensatz dazu spielt die Serie „Präsenz“ mit den Möglichkeiten des Zurschaustellens und des Verbergens im Bild. Denn während die Künstlerin im Abbild der Fotografie seltsam ungreifbar bleibt – mal verbirgt sie sich hinter geklöppelter Spitze, mal hinter einer Maske –, wird eine zweite Präsenz immer klarer. Denn Groschup versieht ihre Fotografien mit Stickmustern, die mehr und mehr die Konturen eines Menschen sichtbar werden lassen. So hebt ein ganz herrliches Spiel mit Anwesenheit, Bild, Abbild und dem „Wahrheitsgehalt“ dahinter an.

„Hier bin ich“-Fotografie

Ganz anders und doch in der Thematik so unglaublich verwandt präsentieren sich Paul Albrecht Leitners Fotoarbeiten. Streng durchkomponiert, akribisch geplant und detailversessen im besten Sinne zeigt sich da jedes seiner Selbstporträts. Dabei paart sich die Strenge bei Leitner mit feinstem Humor. Denn es hat schon was an sich, wenn sich ein Herr im feinen Zwirn im leeren Swimmingpool porträtiert oder sich, ebenfalls bestens gewandet, auf den Straßen Triests als obdachloser Fotograf ablichtet.

Dabei ist Leitner in seinem Verständnis des Selbstporträts oft nah an der zeitgeistigen „Hier bin ich“-Fotografie und karikiert sie gerade dadurch. Leitner packt das Genre nämlich am Schopf bzw. erfasst es in seinem Kern: der Inszenierung eines Menschen, eines Status, eines Lebens. Gleichzeitig aber sind die Posen, die Leitner in seinen Selbstporträts einnimmt, derart inszeniert, dass jedes Bild einem Bruch mit der scheinbaren Zufälligkeit des modernen Selfies gleichkommt. Da ist nichts mit der schnellen „Das bin ich hier und da“-Fotografie. Da geht es um Selbstwahrnehmung und Selbsterforschung. Und das ist wohl auch das Bindeglied zwischen Groschup und  Leitner. Der millionenfachen Bilderflut an Selbstporträts setzen sie die Reflexion entgegen. Das hat seinen Reiz und das öffnet den Blick neu – auch auf jene vor und die hinter der Kamera.

Paul Albrecht Leitners Fotoarbeiten sind streng durchkomponiert, akribisch geplant und detailversessen. Fehle
Paul Albrecht Leitners Fotoarbeiten sind streng durchkomponiert, akribisch geplant und detailversessen. Fehle

Die Ausstellung mit Arbeiten von Sabine Groschup und Paul Albert Leitner ist noch bis 3. März zu sehen. Galerie Lisi Hämmerle, Bregenz: www.galerie-lisihaemmerle.at