„Keiner geht wegen mir in Amerika ins Kino“

Menschen / 01.02.2018 • 21:51 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Vicky Krieps spielt in „Der seidene Faden“ an der Seite von Daniel Day Lewis. AP
Vicky Krieps spielt in „Der seidene Faden“ an der Seite von Daniel Day Lewis. AP

Vicky Krieps ergatterte eine Rolle in einer Hollywood-Produktion.

Berlin Daniel Day-Lewis, dreifacher Oscar-Preisträger, plant seinen letzten Kino-Auftritt. Als britischer Modeschöpfer Reynolds Woodcock in „Der seidene Faden“. Gesucht: die geeignete Partnerin. Die Wahl fällt nicht auf irgendeinen weiblichen „big star“, sondern auf Vicky Krieps, Wahl-Berlinerin aus Luxemburg. Mittlerweile ist der Film für sechs Oscars nominiert.

 

Partnerin des Giganten Daniel-Day Lewis. Aber nicht in irgendeiner Rolle, sondern die von Ihnen verkörperte Muse und Geliebte Alma ist genau so oft im Bild wie er selbst. Wie passiert so was?

KRIEPS Eine amerikanische Casting-Agentin, die ich nicht kannte, schickte mir eine Mail. Ich fand kein Drehbuch, sondern nur einen Monolog. Den sprach ich auf Band und schickte es an die Absenderin.

 

Demnach: Keine Ahnung, wer da was von Ihnen wollte?

KRIEPS Den Namen des Regisseurs und Autor hatte ich überlesen. Nachher erfuhr ich: Es war Paul Thomas Anderson, der zum Beispiel „Boogie Nights“, „Punch-Drunk Love“ oder „There Will Be Blood“ inszeniert und eine Menge Preise kassiert hatte. Er hatte meinen Film „Das Zimmermädchen Lynn“ gesehen und daraufhin seine Casting-Dame angewiesen, mit mir Kontakt aufzunehmen.

 

Hauptrolle neben einem der größten Kinostars: Hat sich das auch in der Gage niedergeschlagen?

KRIEPS Ach wo. Da wird man von Hollywood zunächst darauf hingewiesen, welch große Chance das sei, was es ja auch ist. Wirtschaftlich gesehen, brachte ich  eher ein Minus mit. Keiner geht in Amerika wegen mir ins Kino. Auch die meisten anderen haben bei diesem Film keine goldene Nase verdient.

 

Die erste Begegnung zwischen dem von Daniel Day-Lewis gespielten Reynolds Woodcock und Ihnen als Kellnerin in einem Restaurant war zugleich Ihre erste Szene mit ihm? Wie war das Kennenlernen?

KRIEPS Ich habe nicht Daniel, sondern nur Reynolds Woodcock kennengelernt. Während des ganzen Films. Er ist ein „method actor“ und war immer nur als Woodcock präsent.

 

Wie bereitet man sich dann in Ihrem Fall vor?

KRIEPS Gar nicht. Ich studierte die Zeit, in der die Handlung spielte, und versuchte, mich in die Figur der Alma zu versetzen. Ihre Mutter war früh gestorben, das kommt im Film gar nicht vor, aber das war ihre Vorgeschichte. Ich stellte mir vor, Alma würde jeden Tag für ihren Vater kochen, die Wäsche waschen und dann arbeiten gehen. Ich legte mir ein Bild zurecht, denn es gab ja kein richtiges Drehbuch, sondern nur ein Skelett.

 Alma wird zur Muse und Geliebten dieses eigenartigen, in sich gekehrten Menschen. Was, denken Sie, hat sie bei ihm gesucht?

KRIEPS Sicher Liebe und Anerkennung.

 

Als sie das nicht bekommt,  bereitet sie ihm ein Gericht mit einer kleinen Dosis giftiger Pilzen zu, um ihn zu schwächen und sich selbst für ihn unentbehrlicher zu machen. Woraus hat dieses Gericht wirklich bestanden?

KRIEPS Es war ein Omelett mit Zucker.

 

Dem Vernehmen nach war es der erschöpfendste und anstrengendste Dreh Ihre Lebens?

KRIEPS Ich stand sechs Tage pro Woche fast ununterbrochen vor der Kamera. Und am Sonntag hatte ich den ganzen Tag Kostümproben. Ich war in der Tat fix und fertig.

 

Wenn Sie schon den ganzen Film über nur mit Reynolds Woodcock und nicht mit Daniel Day-Lewis zu tun hatten, wann hat sich das geändert?

KRIEPS Bei der Pressearbeit. Da war er entspannt und es stellte sich diese gewisse Leichtigkeit ein, die er wahrscheinlich als Privatmann immer hat.

 

Haben Sie mit ihm auch darüber gesprochen, warum „Der seidene Faden“ sein letzter Film sein soll?

KRIEPS Ich wollte nicht zudringlich sein und habe ihn nicht darauf angesprochen. Aber was ich mitgekriegt habe, ist: Er hat über viele Jahre immer wieder daran gedacht, dass er mit der Schauspielerei aufhören sollte. Aber diesmal habe es sich in ihm festgesetzt. Er habe mit dieser Rolle sozusagen seine Mitte und zu sich selbst gefunden. Andererseits empfinde er natürlich auch eine gewisse Traurigkeit. LH