„Schamgrenzen werden überschritten“

Vorarlberg / 01.02.2018 • 19:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Naturschutzrat lässt kein gutes Haar am geplanten Speichersee. Kritik an „Schneller-höher-weiter-Mentalität“.

St. Gallenkirch. Die Aufregung hat sich längst nicht gelegt. Pläne für einen Speicherteich zur künstlichen Beschneiung des Skigebiets Silvretta-Montafon, der die gewohnten Dimensionen sprengt, polarisieren. Auch innerhalb der schwarz-grünen Landesregierung ist das der Fall.

Ein beratendes Gremium der Regierung wurde in der Angelegenheit bisher nicht gehört. „Man versucht mich, vom aktiven Mitarbeiten fernzuhalten“, nimmt sich Gerlind Weber als Vorsitzende des Naturschutzrat kein Blatt vor den Mund. Schon bei der Frage zu Grünzonen im Zusammenhang mit den Ansiedlungsplänen des Bäcker­unternehmens Ölz in Weiler hatte die Expertin den Unmut der ÖVP auf sich gezogen.

Dabei gibt es den Naturschutzrat seit 1997. Er soll die Landesregierung bei wichtigen Angelegenheiten des Naturschutzes mit strategischer Ausrichtung beraten. Bei Einzelprojekten indes scheint die Meinung des Rates weniger gefragt. Gerade in diesen Einzelfällen müsse aber die Strategie hinterfragt werden, sagt Weber. Den Plänen für den Speicherteich im Montafon stellt sie gegenüber den VN ein verheerendes Zeugnis aus.

Gegen Naturschutzgesetz

Das Bauvorhaben, so die langjährige Professorin an der Boku Wien, widerspreche sämtlichen Zielvorstellungen des Naturschutzgesetzes. Lebensräume für Pflanzen und Tiere würden zerstört, die Schönheit der Landschaft nachhaltig geschädigt, die Regenerationsfähigkeit und die Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts seien alles andere als gesichert. Diese Zielsetzungen würden allerdings oft auch bei kleineren Projekten nicht erreicht. Was Weber an den Plänen im Skigebiet Silvretta-Montafon besonders stört, ist die Denkweise dahinter. Statt Selbstbeschränkung würden Schamgrenzen überschritten. Das „Schneller, weiter, höher“ beschränke sich nicht nur auf das Ausmaß des Sees. „Hier wird in massiver Weise in den Wasserhaushalt eingegriffen“, sagt sie. Man bezwecke ein frühes und schnelles Beschneien. Saisonen würden verlängert, Betten ausgebaut. „Es geht um eine Anpassungsstrategie an den Klimawandel. Dabei müssten wir alles unternehmen, um dagegenzuhalten.“

Jahreszeiten manipulieren

„Die Natur streikt. Sie schickt uns den Schnee nicht mehr in der Verlässlichkeit wie noch vor 40 Jahren“, sagt Weber. Man wolle einen Tourismus, der sich an die Jahreszeiten anpasst. „Hier beginnt man die Jahreszeiten zu manipulieren“, sagt sie mit Fokus auf die Beschneiungspläne.

Wenn sich am Ende bei der Abwägung der öffentlichen Interessen jeweils die wirtschaftlichen Argumente durchsetzen, sei das sehr kurzfristig gedacht. Kurzfristig gefragt, mache so ein See vielleicht nicht viel aus. Die Summationseffekte seien aber nicht mehr belanglos. „Die nächste Generation wird auf unsere Generation sauer sein, weil sie so tut, als gäbe es kein Morgen“, so die Vorsitzende des Naturschutzrates.

Sauer reagieren oft auch Betreiber, wenn ihre Projekte öffentlich debattiert werden. Die Pläne für den Speicherteich im Montafon etwa waren lange Zeit nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt. Eine breite Diskussion hat nie stattgefunden. „Das gesellschaftliche Klima hat sich total verändert“, sagt Weber. Die Diskussionsfreudigkeit habe rapide abgenommen. Eine breite gesellschaftliche Erörterung mit offenem Ergebnis finde nicht statt. „Es wird auf den Tisch gehaut. Wer dagegen redet, ist ein Geschäftszerstörer“, bemängelt sie.

Die nächste Generation wird sauer auf unsere Generation sein, die so tut, als gäbe es kein Morgen.