Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Bursch‘ und Burschenschafter

Politik / 02.02.2018 • 22:50 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Sebastian Kurz, der Vorwärtsdenker, spürt den rechtsextremen Riesen-Rucksack an rückwärtsgewandten Weltanschauungen tagtäglich stärker. Es ist wohlgemerkt der Rucksack seines Koalitionspartners – und doch fällt jeder braune Rülpser eines FP-Bezirkspolitikers nun auf den Kanzler, ja auf ganz Österreich zurück.

Sebastian Kurz will das Land verändern. Doch stattdessen muss Österreich sich damit auseinandersetzen, was welcher Burschenschafter wann in welchem Keller gesagt, gewusst, gesungen hat. Die Burschenschafter, organisiert in aus der Zeit gefallenen mystisch-verschlossenen Mini-Vereinen, haben in der FPÖ zwischenzeitlich das Sagen. Heinz-Christian Strache kann sich nicht mehr aus der Burschenschafter-Umarmung befreien, das zeigte die Causa um den am Donnerstag zurückgetretenen NÖ-Spitzenkandidaten Udo Landbauer deutlich. Ein Ausschluss wäre parteiintern ein viel zu hohes Risiko gewesen. Zu mächtig sind die Burschenschafter. Nun ging Landbauer selbst, nach einigem Hin und Her hinter den Kulissen.

Seien wir ehrlich: Dass in Judenhass-Reimen zum Massenmord aufgerufen wird, das geht schlichtweg nicht. Das ging nicht früher, das ging nicht in den 90er-Jahren, das geht heute nicht. Wir haben lange genug gebraucht, um das gesellschaftlich auszudiskutieren. Hat fraglos keinen Platz in Österreich. Jeder, der dort anschrammt, hat sich disqualifiziert, unseren Staat oder ein Bundesland zu lenken. Das Strafrecht ist da nur eine grundlegende Maßgröße – die moralischen Ansprüche an Politiker dürfen ruhig höher sein. Nur nicht straffällig geworden zu sein, ist eine arg traurige Mindestqualifikation. Dass Landbauer zurückgetreten ist, ist gut für die FPÖ, notwendig für die Koalition, wichtig für Österreich.

Doch sind dies die Zukunftsthemen, die wir alle unter den vorigen Stillstand-Regierungen herbeigesehnt haben? Sind das Initiativen, die uns nach vorne bringen?

Sebastian Kurz ist in den vergangenen Tagen moralischer, klarer geworden. Äußerte sich ausführlichst an Stellen, wo er sonst nur kurz stehenbleibt. Legte Udo Landbauer den Rücktritt nahe. Machte sich für ein Auflösungsverfahren gegen den Verein stark. Überstrahlt international die Bedenken. Ihm ist bewusst, dass solche Affären die Schwungkraft haben, seine Reformvorhaben zu beschädigen.

Fakt ist: Von der einstigen wirtschaftsliberalen, fast freisinnigen FPÖ, wie sie beispielsweise in Vorarlberg lange Zeit gelebt wurde, hat sich die derzeitige Burschenschafter-Abordnung meilenweit entfernt. Und selbst die FPÖ-Chefstrategen haben nun erkannt, dass das nirgendwohin führt. Innenminister Herbert Kickl konnte mit den Burschenschaften ohnehin noch nie etwas anfangen, gilt als Verachter solcher Verbünde. Norbert Hofer und Heinz-Christian Strache wissen zwischenzeitlich auch, dass man mit Burschenschaften keine breiten Massen gewinnt. Ausgerechnet beim Akademikerball, als Treffpunkt Rechtsextremer verrufen, forderte Heinz-Christian Strache Burschenschafter mit antisemitischen Zügen auf, „aufzustehen und zu gehen“. Schon zuvor kündigte er eine Historikerkommission an, sie solle die deutschnationalen Verbindungen und die Vergangenheit schonungslos aufklären. Das ist mehr, als der durchschnittliche FPÖler notwendig oder gut findet.

Aus Straches Perspektive ist das vor allem eines: ziemlich mutig.

„Die Burschenschafter, organisiert in aus der Zeit gefallenen mystisch-verschlossenen Mini-Vereinen, haben in der FPÖ zwischenzeitlich das Sagen.“

Gerold Riedmann

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Gerold Riedmann ist Chefredakteur der Vorarlberger Nachrichten.