„Schlagende Burschenschaften müssen ihre Archive öffnen“

Politik / 02.02.2018 • 22:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Burschenschaften sind auch Teil der Netzwerke der FPÖ. APA
Burschenschaften sind auch Teil der Netzwerke der FPÖ. APA

Wien Noch wird in der FPÖ beraten, was sie unter dem Titel „schonungslose Aufklärung“ überhaupt versteht. Diese hat Parteichef und Vizekanzler Heinz-Christian Strache angekündigt, nachdem die Burschenschaft seines niederösterreichischen Spitzenkandidaten wegen eines antisemitischen Liedtextes in Kritik geraten war. Udo Landbauer ist mittlerweile zurückgetreten und Strache hat eine Historikerkommission versprochen, welche sich mit der freiheitlichen Vergangenheit auseinandersetzen soll.

Was das bedeutet, ist offen. Der Vorarlberger FPÖ-Chef Reinhard Bösch kann sich vorstellen, dass Grundsätze festgehalten werden, etwa das Bekenntnis zur Verfassung der Republik Österreich. Der FPÖ-nahe Historiker Lothar Höbelt, der als Fixstarter für die Kommission gilt, plädiert im „Kurier“ für eine kleine, interne Arbeitsgruppe, die „bestehende Missverständnisse ausräumen“ soll. Vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) will er niemanden beiziehen. Auch hält er es für unnötig, die internen Archive von Burschenschaften zu öffnen.

Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Uni Wien, sieht das anders. Die Aufarbeitung wäre Schmäh und Farce zugleich, wenn die Kommission keinen Zugang zu den Archiven schlagender Burschenschaften erhalte: „Die Quellen müssen für alle überprüfbar sein.“ Das sei eine Grundvoraussetzung. „Ansonsten können Sie jede Form von Historikerkommission vergessen.“ Zweite Grundvoraussetzung sei die totale Unabhängigkeit: „Es braucht eine autonome Gruppe, damit die Arbeit funktioniert. Wenn Lothar Höbelt andeutet, nur wenige Personen reinzunehmen und anerkannte Experten wie Bernhard Weidinger vom DÖW auszuschließen, macht er sich lächerlich. So wird die Arbeit der Kommission von der wissenschaftlichen Community auch sicherlich nicht anerkannt werden.“

Inhaltlich müsse ihr Schwerpunkt auf den Netzwerken der FPÖ liegen, erklärt Rathkolb. „Damit meine ich nicht nur die Mittelschülerverbindungen, sondern auch die schlagenden deutschnationalen Burschenschaften.“ Wirklich wichtig sei es, deren Alltag zu untersuchen: „Was wird gesungen, wer wird verehrt und wer sind die Mitglieder?“ All das könne nur mit Zugang zum Verbindungsarchiv beantwortet werden. Dieses müssten zumindest jene Abgeordneten öffnen, die schlagenden Burschenschaften angehören.

Schließlich seien die braunen Flecken, abseits der bekannten Parteigeschichte, bisher nur durch Enthüllungen zutage getreten; oder durch Entgleisungen in der rechtsnationalen Zeitschrift „Aula“. Dass sich das mit der Historikerkommission der Freiheitlichen ändern wird, glaubt Rathkolb nicht. Sie werde sich vermutlich auf die weitgehend bekannte Parteigeschichte beschränken und der Frage erst gar nicht nahe kommen, wie es mit den aktiven Burschenschaftern im Parlament und in den Landtagen aussieht: „Das Ganze wird ausgehen wie das Hornberger Schießen. Null Überraschung.“ VN-ebi

„Ohne Archivzugang können Sie jede Form von Historikerkommission vergessen.“