Das normale Unnormale

Politik / 04.02.2018 • 21:38 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Ist es nicht endlich an der Zeit, das Gejammere über diesen missratenen US-Präsidenten zu beenden? Denn dass er eine egomanische, narzisstische, frauen- und fremdenfeindliche, tölpelhafte, kleptokratische, faschistoide, rassistische, demokratiefeindliche, dreist lügende und neroesken Weltbrand-Illusionen nachhängende Politiker-Karikatur ist, haben wir doch oft genug gehört.

„So ist er eben“, hört man/frau mit resigniertem Schulterzucken inzwischen immer wieder. Was nur belegt, dass sich die meisten Menschen nach einiger Zeit an so ziemlich alles Schlimme und Schreckliche gewöhnen. Die schon automatischen Folgen sind dann Erkenntnis, Urteil und Selbstbetrug: „Ist ja doch nicht zu ändern. Deshalb Schwamm drüber, verdrängen, vergessen und hoffnungsfroh in die Zukunft blicken.“ Das alte Unnormale wird damit das neue Normale.

Doch die Crux der kollektiven Abstumpfung kann dann sehr schnell sein, noch Schrecklicherem unvorbereitet hilflos ausgeliefert zu sein. Hat Trump in der vergangenen Woche nicht dekretiert, dass er die völkerrechtswidrige Folteranstalt im kubanischen Guantanamo weiter betreiben und mit „vielen neuen Terrorverdächtigen auffüllen“ lassen will? Trumps Satz: „Wo immer wir sie zu fassen bekommen“, erinnert fatal an die von Ex-Präsident George W. Bush initiierte Praxis widerrechtlicher Entführungen von Menschen in mit den USA befreundeten Ländern. Menschen, von denen einige hinterher nicht mehr lebten.

Muss die Weltgemeinschaft da nicht Vorkehrungen gegen im Ausland agierende US-Kidnapper treffen? Und was ist mit Trumps Nuklearkrieg-Schwadroniererei? Müssen europäische Regierungen zur eigenen Sicherheit nicht ultimativ den Abzug der in ihren Ländern stationierten US-Atomwaffen verlangen? Und das Präsidenten-Gerede vom „Amerika zuerst“, seine Handelskriegs-Bereitschaft, der US-Protektionismus, US-Strafzölle und die US-Steuerpolitik, die bei Amerikas Freunden und Partnern allesamt massenhaft Arbeitsplätze vernichten, müssten zu unmissverständlichen Reaktionen und Gegenmaßnahmen führen. Mit dem bisherigen „Bitte nicht, Herr Präsident“ der EU-Bürokratie darf es nicht getan sein.

Es ist stattdessen an der Zeit, dass sich die Regierenden in aller Welt aktiv und innovativ mit Maßnahmen zur Schadensverhinderung beschäftigen und dies dem US-Präsidenten auch unmissverständlich begreiflich machen. Das ist vernünftiger, notwendiger und überlebenswichtiger als weiteres Schaudern über Derangiertheiten im und aus dem Weißen Haus. Und moralisch geboten ist es auch.

„Die Crux der kollektiven Abstumpfung kann dann sehr schnell sein, noch Schrecklicherem unvorbereitet hilflos ausgeliefert zu sein.“

Peter W. Schroeder

berichtet aus Washington, redaktion@vn.at