Wenn das Meer im Innern tobt

Kultur / 06.02.2018 • 20:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Im Opernhaus Zürich wird derzeit Mozarts Oper „Idomeneo“ aufgeführt. m. Rittershaus
Im Opernhaus Zürich wird derzeit Mozarts Oper „Idomeneo“ aufgeführt. m. Rittershaus

Eine menschlich anrührende Deutung von Mozarts Oper „Idomeneo“.

Zürich Nikolaus Harnoncourt hat hier 1980 das Werk von der apollinisch geglätteten Lesart eines Karl Böhm befreit. Und im selben Zürich hat er vor acht Jahren den „Idomeneo“ als eine italienisch gesungene französische „tragédie lyrique“ vorgestellt – samt allen Balletten. Auch der 52-jährige italienische Dirigent Giovanni Antonini ist ein ausgewiesener Experte in der historisch informierten Aufführungspraxis. Und er spricht im Falle dieser (vermeintlichen) Opera seria doch lieber von „stilistischer Vielfalt“ und von der französischen Oper als „einer Inspirationsquelle“ des Komponisten. Zusammen mit der 1970 geborenen Regisseurin Jetske Mijnssen hat er jetzt den „Idomeneo“ am Zürcher Opernhaus überzeugend neu interpretiert.

Die Arbeit der Holländerin Mijnssen ist charakterisiert von einer psychologischen Herangehensweise. Und für eine solche ist gerade bei dieser Oper viel Spielraum. Getanzt wird nicht in der Neuinszenierung. Dafür zeigt Mijnssen die Hauptfiguren als seelisch schwer verletzte Menschen. Joseph Kaisers vom Trojanischen Krieg heimkehrender Kreterkönig Idomeneo hat in Seenot Neptun den Schwur geleistet, er würde den ersten Menschen opfern, der ihm an Land begegnet. Aber Neptun scheint bei Mijnssen kein Meeresgott zu sein, sondern der innere Quälgeist eines Kriegstraumatisierten. Darauf verweist auch die Arie „Fuor del mar“, wo Idomeneo davon singt, selbst an Land tobe in ihm ein Meer, und wo Kaiser, der sich auch schauspielerisch nirgendwo schont, einen beispiellosen Sturm der Affekte entfacht. Idomeneo begegnet als erstem seinem Sohn Idamante, der an der vermeintlich unerwiderten Liebe zur trojanischen Prinzessin Ilia laboriert. Anna Stéphany macht dieses Leiden mit einem wunderbar wandlungsfähig-warmen Mezzosopran hörbar.

Konsequent durchgehalten

Ilia wird fast zur Hauptfigur: Nachdem die heimat- und elternlos Gewordene ihre Liebe zu Idamante lange verheimlicht hatte, ist sie gegen Ende sogar bereit, anstelle von ihm zu sterben, und es ist bei Mijnssen eigentlich diese Opferbereitschaft, die Idomeneos Verhärtungen löst und so Idamante rettet. Hanna-Elisabeth Müller als Ilia singt mit klangschönem und technisch makellos geführtem Sopran und mit einem engagierten Spiel. Die Traumata der Idamante vergeblich liebenden Elektra, die Guanqun Yu packend und mit passender leichter Timbre-Schärfe singt, werden szenisch vergegenwärtigt mit Atridenfluch-Morden und blutverschmierten Bräuten. Prominent gewichtet wird Idomeneos Vertrauter Arbace, der mit Airam Hernandez ideal besetzt ist. Überzeugend auch der in „Idomeneo“ stark geforderte Chor.

Der psychologische Deutungsansatz droht an gewissen Stellen überforciert zu wirken, wird aber konsequent durchgehalten bis hin zur leitmotivischen Nutzung von Requisiten. Das reduktionistische Bühnenbild mit Wänden in strukturiertem Grau, die zeitweise hochfahren, und die ästhetisch einer modernen Geschäftswelt entsprungenen Kostüme sind zwar keine Augenweide, aber helfen mit, dass die Regie aufs Innenleben konzentriert bleibt.

Herrlich klingt immer wieder die Musik, deren Orchesterpart das Spezialensemble „Orchestra La Scintilla“ unter Antoninis inspirierender Zeichengebung federnd, mit überaus „sprechender“ Artikulation und Dynamik und farbenprächtig spielt. Besonders sogkräftig klingen die orchesterbegleiteten Rezitative, und sauber geraten auch die Instrumentalpartien in den Arien mit obligaten Instrumenten, die daran erinnern, dass Mozart mit dem 1781 in München wirkenden Mannheimer Orchester die damals weltbeste Formation zur Verfügung hatte. TB

Nächste Vorstellungen am 7., 10., 13., 16.18., 23. und 27. Februar: www.opernhaus.ch