Halb voll – halb leer?

Politik / 07.02.2018 • 22:27 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„A leopard doesn‘t change it‘s spots“ – der Leopard kann seine Flecken nicht verändern, lautet eine alte englische Redewendung. Auf Deutsch: Man kann nicht aus seiner Haut. Das gilt für so manche – und ganz besonders für die FPÖ. Man hätte Wetten abschließen sollen, wie lange es dauert, bis der freiheitliche Regierungspartner dem strahlenden jungen Regierungschef die ersten ernsthaften Probleme bereitet. Auch wenn Parteichef Strache sich nach allen Regeln der Kunst zusammenreißt und sich als Staatsmann mit seriöser Staatsmannbrille geriert: Seine kaum kontrollierbaren Spießgesellen, die Burschenschaften, die er sich als engste Verbündete und Personalreserve ins Haus geholt hat, sind wie „die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht los“ aus Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“. Eher früher als später würden sie Strache ein Kuckucksei ins wohlgepolsterte Nest legen.

Und die Reaktionen der FPÖ-Granden auf die Germania-Affäre mit dem Lied zum Aufruf des Massenmords an einer „siebten Million“ Juden waren typisch: Abwehr, abwiegeln, sich selbst zum Opfer stilisieren. Udo Landbauer, der als Vizechef der Germania zentrale Verantwortung für den Antisemitismus-Skandal zu tragen hat, wird nicht aus der Partei ausgeschlossen, denn er sei „unschuldig Opfer einer medialen Hetze geworden“, proklamierte FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky. Die FPÖ ist nun aber nicht irgendeine krümelige Oppositionspartei, sie ist inzwischen in der Regierung – notabene die einzige rechtsradikale Regierungspartei in Westeuropa, worauf Österreich im Jubiläumsjahr 2018 nun wirklich stolz sein darf. Und als Regierungspartei hat die FPÖ Verantwortung zu tragen. Aber schlampiger Umgang mit politischer Verantwortung gehört in Österreich nun mal zur Tradition.

Und die Wählerschaft? Das Ergebnis der niederösterreichischen Landtagswahl vom 28. Jänner war vieldeutig. Ist das Glas halb voll oder halb leer? Zwar hatte sich die FPÖ deutlich mehr Stimmen erhofft. Dennoch waren die Freiheitlichen ganz eindeutig die großen Gewinner: Mit einem Plus von 6,55 Prozentpunkten fuhren sie klar den größten Stimmenzuwachs aller Parteien ein. Was heißt das? Wie viele FPÖ-Wähler hatten der FPÖ nach dem Germania-Skandal empört den Rücken gekehrt? Und war es andererseits den um 6,55 Prozentpunkten zusätzlichen Wählern ganz einfach egal, was die Burschenschafter in ihren besoffenen Liedern sangen – oder fanden sie das sogar ziemlich witzig? Wir wissen es nicht. In einer Umfrage meinten jedenfalls 18 Prozent, „linke Medien“ hätten die Sache „aufgebauscht“ – ein „Sturm im Wasserglas, um der FPÖ zu schaden“. Erschütternd.

„Die Burschenschafter sind für Strache ,die Geister, die ich rief‘ aus Goethes ,Zauberlehrling‘.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).